Wissenschaft und Wahrheit - zum Wahrheitskonzept in den Wissenschaften

In der Diskussion mit Evolutionskritikern aus dem christlichen Bereich kann man immer wieder (z.B. mehrfach in [1Junker, Reinhard (2009): Spuren Gottes in der Schöpfung?, SCM Hänssler, Stuttgart]) Ansichten wie die folgende finden:

Eine der Wahrheit verpflichtete Wissenschaft muß sich alle Erklärungsoptionen, und damit auch den Design-Ansatz, offenhalten.

Im Folgenden soll es nur um den ersten Teil der Aussage gehen, die „Wahrheitsverpflichtung der Wissenschaft“. Inwieweit Wissenschaft, ob nun der Wahrheit verpflichtet oder nicht, für den „Design-Ansatz“ offen sein sollte oder muß, ist ein gänzlich anderes Thema, das an anderer Stelle behandelt wird.

Auf Nachfrage, wie man sich diese „Wahrheitsorientierung“ denn vorzustellen habe, bzw. beim Anmelden gewisser Zweifel, ob das tatsächlich in der Realität auch gegeben sei, kommt dann die weitergehende Präzisierung: „Ohne Wahrheitsorientierung wird Wissenschaft zu einem irrelvanten Spiel.“ Selbstverständlich kann man auch in dieser Frage unterschiedlicher Ansicht sein. Deutlich wird aber doch, daß für eine Auseinandersetzung mit diesen Aussagen eine etwas tiefergehende Betrachtung diverser Aspekte notwendig ist.1)

Die folgenden Ausführungen zur Thematik sind einerseits das Ergebnis einer tatsächlichen schriftlichen Auseinandersetzung zu dieser Fragestellung mit einem Vertreter einer von extremen christlichen Ansichten geprägten fundamentalen Evolutionskritik2), zum anderen spiegeln sie eine weit über diesen konkreten Anlaß hinausragende Beschäftigung des Autors mit der Frage nach dem Verhältnis von Wahrheit und Wissenschaft wieder.

Konfrontiert mit dem Postulat einer „Wahrheitsverpflichtung“ oder „Wahrheitsorientierung“ der Wissenschaft stellen sich eine Reihe von Fragen, die hier zunächst kurz genannt werden sollen, um dann nachfolgend im Detail auf sie einzugehen.

Die erste Frage, die sich logisch aus dem Postulat ergibt, ist die: Inwieweit ist reale Wissenschaft tatsächlich der Wahrheit verpflichtet bzw. forschen Wissenschaftler tatsächlich in dem Bewußtsein, „Wahrheit“ erkennen zu wollen, respektive hat diese Frage für die Praxis des Forscheralltags überhaupt Relevanz? Sicherlich reicht diese Frage weit in eine andere, viel grundsätzlichere Fragestellung hinein, der bereits an anderer Stelle nachgegangen wird: Was ist Wissenschaft?

Die nächste Frage, insbesondere dann, wenn man der Wissenschaft tatsächlich eine „Wahrheitsorientierung“ unterstellt oder zumindest eine solche nicht ausschließt, ist die: „Wie können wir überhaupt Wahrheit als solche erkennen? Naheliegend wäre hier für einen Menschen mit religiösem Hintergrund natürlich der Verweis auf „Offenbarung“. Allerdings wird dieser Verweis auf „Offenbarung“ innerhalb der Wissenschaftsgemeinde (nicht nur den Naturwissenschaften) nicht auf Zustimmung stoßen.

Letztlich führt aber kein Weg an der fundamentalen Frage vorbei: Was ist Wahrheit? Ein Blick auf die lange Geschichte dieser Frage und ihrer Antworten durch die gesamte Geschichte der menschlichen Philosophie und Kultur zeigt, daß es vermessen wäre, hier eine gültige Antwort auf diese Frage geben zu wollen. Da sie sich aber auch nicht ausklammern läßt, scheint es geboten, eine kleine Übersicht über unterschiedliche Wahrheitskonzepte und damit unterschiedliche Antwortmöglichkeiten oder -Ansätze zu geben.

Da diese Aufeinanderfolge von Fragen, die man an die Ausgangsthese stellen kann, vom Konkreten zum Grundlegenden fortschritt, für die Behandlung allerdings die umgekehrte Reihenfolge sinnvoll erscheint, wird im Folgenden in umgekehrter Reihenfolge auf diese Fragen eingegangen werden.

Was ist Wahrheit? - Verschiedene Wahrheitskonzepte

Selbstverständlich bin ich mir bewußt, daß das nicht nur die Frage ist, die Pilatus der Überlieferung nach Jesu stellte. (Im Übrigen wäre es ein interessanter Gedanke, inwieweit die Autoren der Evangelien hier bewußt versuchen, die Situation zu dramatisieren, indem sie Pilatus diese den Menschen seit jeher bewegende Frage in den Mund legen. Aber das wäre ein Gedanke für eine ganz andere Form von Diskussion.) Es ist eine der großen Fragen, die die Menschheit seit jeher bewegt.

Im Bewußtsein, nicht die Zeit und Ausdauer oder auch nur das zu Wissen haben, hier die gesamte Geschichte der Rezeption dieser Frage nach der Wahrheit auszubreiten, bin ich der Ansicht, daß für die ursprüngliche Fragestellung unabdingbar ist zu klären, was man jeweils mit dem Begriff „Wahrheit“ meint. Wenn man diese Frage nicht erst einmal beantwortet bzw. die jeweiligen Positionen sauber darstellt, erübrigt sich die weitere Diskussion. Deshalb möchte ich im Folgenden kurz vier verschiedene Konzepte des Begriffs „Wahrheit“ vorstellen, die sich in meinen Augen unterscheiden lassen.

Satzwahrheit

Unter dem Begriff „Satzwahrheit“ verstehe ich die Ableitung oder Aufstellung eines Satzes innerhalb eines vollständig formalen Systems nach den Regeln des gegebenen formalen Systems, der innerhalb des Systems beweisbar und bewiesen ist und damit uneingeschränkte Gültigkeit besitzt.

Eine solche „Satzwahrheit“ ist nur in den vollständig formalisierten Wissenschaften (Mathematik, Informatik, Logik) möglich und stellt deren Stärke dar.

Es sei noch einmal betont: Eine derartige Satzwahrheit existiert nur innerhalb vollständig formalisierter Systeme. Da die uns umgebende Realität und das Leben, das wir leben, aber mit großer Wahrscheinlichkeit kein solches vollständig formalisiertes (oder zumindest formalisierbares) System ist, hilft es uns mit großer Sicherheit nicht weiter.

Zweite Randbemerkung: Meiner Meinung nach sind alle empirischen, historischen und Geisteswissenschaften nicht vollständig formalisierbar. Damit sind derartige Satzwahrheiten aber in ihnen auch nicht herleitbar (und damit z.B. auch nicht die Herleitung von „Unmöglichkeitssätzen“ in der Biologie, wie sie von Seiten mancher ID-Vertreter und Evolutionskritiker verfolgt werden).

Wahrheit als Übereinstimmung mit der Realität

Etwas wird als „wahr“ bezeichnet, wenn es mit der wahrgenommenen Realität übereinstimmt bzw. wenn keine Widersprüche zur wahrgenommenen Realität festgestellt werden können.

Vielleicht entspricht dieses Wahrheitskonzept am ehesten unserer alltäglichen Erfahrung, auch wenn schon die von mir gegebene Formulierung einige Fragen aufwirft bzw. einer weiteren Verfeinerung bedürfte, um eine gewisse Gültigkeit und Belastbarkeit für sich beanspruchen zu können.

Schon die Formulierung „wahrgenommene Realität“ bedeutet eine Einschränkung der Gültigkeit: Die Wahrnehmung der Realität ist letztlich immer zwangsläufig subjektiv und Veränderungen unterworfen, da wir es sind, die die Wahrheit mit unseren Sinnen wahrnehmen. Die Probleme mit der Gültigkeit unserer Wahrnehmungen fangen mit der Signalperzeption über unsere Sinnesorgane, der Signalweiterleitung und deren Verarbeitung im Gehirn an. Wenn wir dann noch Hilfsmittel verwenden, um die Reichweite unserer Sinnesorgane zu erweitern, haben wir es mit Meßtheorien zu tun, die zwangsläufig ins Spiel kommen: Von jedem dieser Hilfsmittel nehmen wir an, daß es in bestimmter Weise die Leistungsfähigkeit unserer Sinnesorgane erweitert. Das sind letztlich aber Annahmen, wenn auch in aller Regel begründbare und gut begründete. Als Beispiel möchte ich hier auf die Artefakte der ersten Fernrohre hinweisen, die Galilei für seine Beobachtungen verwendete - zahlreiche Formen chromatischer und anderer Aberrationen. Eine detailliertere Beschreibung der damit einhergehenden wissenschaftstheoretischen und wissenschaftsphilosophischen Fragestellungen findet sich u.a. in [2Chalmers, Alan F. (1999): What is this thing called Science?, Open University Press, Berkshire, UK, 3Hacking, Ian (1996): Einführung in die Philosophie der Naturwissenschaften, Philipp Reclam jun., Stuttgart].

Eine weitere Einschränkung der Gültigkeit möchte ich noch kurz ansprechen. Die Formulierung, daß „keine Widersprüche zur wahrgenommenen Realität festgestellt werden können“, ist so in der Realität meist auch nicht gültig. Tatsächlich gibt es fast kein Konzept, das alle Daten erklären kann. Es bleiben so gut wie immer Daten übrig, die vom vorgeschlagenen Konzept zumindest nicht vorhergesagt werden, also zumindest seinen Erklärungen gegenüber indifferent sind, öfter aber ihm widersprechen oder sich in seiner bisherigen Formulierung nicht mit ihm in Einklang bringen lassen. Das wird aber in der Regel nicht als fundamentales Problem der Erklärungen angesehen, sondern als inhärentes Charakteristikum all unserer Erklärungsansätze. Die Frage, ob wir jemals zu einem vollständig konsistenten und alles erklärenden System von Aussagen und Erklärungen kommen werden, ist unentschieden. Ihre Beantwortung ist allerdings vollständig unabhängig vom hier beschrieben Konzept von Wahrheit als Übereinstimmung mit der Realität.

Eine entscheidende Konsequenz dieses Konzeptes von Wahrheit, die dazu führt, daß gerade Menschen mit einem religiösen Hintergrund geneigt sind, sie nicht zu teilen, ist die Veränderlichkeit dessen, was wir nach diesem Konzept als „Wahrheit“ bezeichnen. „Wahrheit“ ist diesem Konzept nach ein sich inhaltlich ständig verändernder und unserem jeweiligen Wissensstand anpassender Prozeß.

Auf der anderen Seite ist gerade diese Eigenschaft, im jeweiligen Wissensstand gegründet zu sein, entscheidend dafür, daß die Wissenschaften diesen Wahrheitsbegriff verwenden können. Wenn Wissenschaft mit dem Wahrheitsbegriff operiert, dann meiner Meinung und Erfahrung nach am ehesten mit diesem hier beschriebenen Wahrheitsbegriff als „Übereinstimmung mit der (wahrgenommenen) Realität“ im Sinne einer Übereinstimmung mit dem überwiegenden Teil der bekannten Daten.

Wahrheit als abstraktes, absolutes Konzept

Neben dem vorausgehend beschriebenen Konzept einer „Wahrheit als Übereinstimmung mit der Realität“ ist das Konzept einer „Wahrheit als abstraktem Absolutum“ ebenfalls durchaus verbreitet, wenn auch mehr vor philosophischem (und theologischem) Hintergrund. Dieses Konzept läßt sich vielleicht wie folgt zusammenfassen:

Es gibt eine ultimative Übereinstimmung von Aussagen mit der Realität, sozusagen die ultimative Objektivität. Diese ultimative Übereinstimmung mit der Realität und damit ultimative Objektivität ist die Wahrheit.

Diese Wahrheit ist per se vollständig autonom und unabhängig von unserer Wahrnehmung. Darin unterscheidet sie sich auch vom vorausgehend beschriebenen Konzept einer „Wahrheit als Übereinstimmung mit der Realität“.

Nun kann man natürlich grundsätzlich erst einmal unterschiedliche Positionen hinsichtlich der Existenz einer solchen Wahrheit einnehmen. Vermutlich sind die entsprechenden Positionen ebenfalls bereits sehr alt, das Buch Prediger deutet zumindest darauf hin, daß ähnliche Gedanken, wie sie dann im zwanzigsten Jahrhundert von Existentialisten wie Jean-Paul Sartre formuliert werden, schon vor über zweitausend Jahren gedacht wurden.

Im Folgenden möchte ich einmal die Option, die Existenz einer absoluten Wahrheit (oder in der Folge eines Absolutums, einer ultimativ gültigen Instanz an sich, wie auch immer diese wesensmäßig gestaltet sein mag) zu verneinen, außen vor lassen. Konkret: Gegen wir für den Moment einmal davon aus, daß es eine absolute Wahrheit geben kann.

Meiner Kenntnis nach wird diese Position von Karl Popper klar geteilt, ebenso von Kyle Stanford. Ein wesentlicher Unterschied in den Ansichten dieser Beiden ist der, daß Popper weitergehend überzeugt zu sein schien, daß es nicht nur eine letztgültige Realität und Wahrheit gibt, sondern daß die Wissenschaft auch immer näher an diese herankäme. Hier widerspricht Stanford und bezieht die gegenteilige Position, indem er festhält, daß es keinen Grund gebe anzunehmen, daß die Wissenschaften sich in ihren Erklärungen der ultimativen Realität (ergo Wahrheit) auch nur annäherten.

Wichtig ist mir allerdings, hier festzuhalten, daß Popper klar festhält, daß die Wissenschaften gerade nicht des Wissens der ultimativen Wahrheit bedürften, sondern daß das ganze „Unternehmen Wissenschaft“ gerade darauf beruht, nicht von letztgültigen Aussagen zu starten (wie das die Positivisten, aus deren Umfeld Popper ja letztlich stammt und gegen deren Ansichten er sich in seiner Logik der Forschung wendet, taten), sondern nur soweit die Grundannahmen zu hinterfragen, wie das im gegenwärtigen Moment sinnvoll und möglich erscheint und auf der so gewonnenen (temporären) Basis die Theorien und Erklärungen zu entwickeln. Um das mit einem Zitat zu untermauern:

„Im Kritischen Rationalismus gibt es wenig Raum für die ständig im Vordergrund stehenden Sorgen der traditionellen Philosophie: Ruht unsere Erkenntnis auf einer sicheren Grundlage? Und wenn ja, auf welcher? Das ist nicht nur deshalb so, weil in den Augen des Kritischen Rationalismus unser Wissen niemals sicher begrundet, sondern frei geäußert statt fest verankert ist; sondern es ist auch deshalb so, weil mit der festen Verankerung um nichs auf der Welt etwas gewonnen wäre. Für einen Kritischen Rationalisten ist wichtig, ob die zur Diskussion stehenden Vermutungen richtig sind, und nicht, ob es Gründe gibt anzunehmen, daß sie richtig sind. Wenn eine Vermutung alle Einwände übersteht, die wir gegen sie erheben, dann haben wir auch keinen Grund anzunehmen, daß sie nicht richtig ist. Ebensowenig, sagt der Kritische Rationalist, gibt es Gründe, nicht anzunehmen, daß sie richtig ist: wir können annehmen, was wir wollen, solange es keinen Grund gibt anzunehmen, daß es falsch ist. In diesem Sinne recht zu haben genügt vollkommen, wie Popper das vielleicht als erster ganz deutlich gesehen hat; es genügt für die abstakte Spekulation über das Universum, das wir bewohnen, und auch für das praktische Leben in diesem Universum. Nur höchst selten wissen wir, daß wir recht haben; aber selbst dann brauchen wir das garnicht zu wissen.“

[4Miller, David (Hg.) (1997): Karl R. Popper: Lesebuch, Mohr Siebeck, Tübingen], Einleitung des Herausgebers, S. VIII

Ebenso klar wendet sich Popper im Übrigen gegen autoritative Erkenntnisquellen, was jegliche Vereinnahmung seiner Person für evangelikale Vorstellungen, die mit dem Konzept der Bibel als ultimativ autoritativer Erkenntnisquelle einhergehen, ad absurdum führt, da er sich selbst klar gegen solche Positionen ausgesprochen hat.

personale Wahrheit

Aus meiner ganz persönlichen Sicht entspricht keines der vorgenannten Wahrheitskonzepte dem, was uns in der Bibel, insbesondere im Neuen Testament, begegnet. Eine in meinen Augen zentrale Aussage des Neuen Testamentes hinsichtlich eines Konzeptes von „Wahrheit“ ist Jesu Aussage in Joh 14,6: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“.

Der Vollständigkeit halber sei hier angemerkt: Unabhängig davon, wie ich mich selbst zum Wesen, zur Aussagekraft und zum Wahrheitsgehalt der Bibel oder hier spezifisch des Neuen Testamentes positioniere - ein paar Aspekte, die man für einen informierten und reflektierten Standpunkt in dieser Sache beachten müßte, habe ich hinsichtlich der Auslegungsfrage an anderer Stelle kurz skizziert -, kann ich mich im Folgenden der Frage annehmen, wie und warum die Aussage von Joh 14,6 in meinen Augen zentral für die Aussage des Neuen Testamentes ist. Vielleicht kommen wir hier sogar zu einem gewissen gegenseitigen Verständnis, auch wenn Sie vielleicht den Inhalt meiner Ausführungen nicht oder nicht in Gänze teilen.

Zunächst zur Grundlage: Nach meinem Verständnis - und das ist ein Verständnis, das ich über die Jahre, die ich mich in einem brüdergemeindlich geprägten „Glaubensumfeld“ bewegt habe, entwickelt habe - ist der Kern des neutestamentlichen Glaubens die Person Jesu, ist Glaube letztendlich und wesentlich (nicht im Sinne von „wichtig“, sondern im Sinne von „das eigentliche Wesen ausdrückend“) Beziehung.

Inwieweit dieser Gedanke, Glaube sei wesentlich Beziehung zu Gott, auch im Alten Testament durchgängig wiederzufinden ist, sei hier einmal dahingestellt. Ich bin mir allerdings bewußt, daß man einige, wenn nicht sogar sehr viele Beispiele im AT finden kann, die diese Interpretation stützen. Aber das soll hier nicht Thema sein. Meine Formulierung „neutestamentlicher Glaube“ rührt daher, daß ich mich in meiner Argumentation schlicht ausschließlich auf das Neue Testament beziehe.

Man könnte sogar noch einen Schritt weitergehen und Leben mit Beziehung gleichsetzen. Das kann man sogar ohne Rekurs auf die Bibel und hier insbesondere das Neue Testament machen und in meinen Augen durchaus schlüssig herleiten. Vor dem Kontext von Joh 14,6 ist es unter Einbeziehung des Neuen Testaments in meinen Augen jedoch geradezu eine zwangsläufige Folge: „Ich bin… das Leben“ - im Kontext mit Gleichnissen wie dem vom Weinstock wird klar, was der Jesus, der uns hier in den Evangelien entgegentritt, damit meint: (Wahres) Leben gibt es nur in der Beziehung zu ihm.

Nun ist sicherlich das Konzept einer personalen Wahrheit eng mit dem Konzept eines personalen Gottes als ultimativer Instanz verknüpft. Allerdings wird es zumindest in weiten Teilen deckungsgleich mit der Vorstellung von Wahrheit als abstraktem, absolutem Konzept, wenn man den Gott der Bibel als ultimative Realität und Objektivität einsetzt.

Ein in meinen Augen dennoch wesentlicher Unterschied zwischen dem Konzept einer abstrakten absoluten und einer personalen Wahrheit liegt aber darin, daß bei letzterem die Beziehung im Vordergrund steht, und nicht das „Rechthaben“ oder der wie auch immer geartete „Besitz von Wahrheit“.

Dieser Fokus auf Beziehung bedeutet für mich aber auch, daß Fragen nach der „Wahrheit“ wissenschaftlicher Erklärungen (was auch immer genau man in diesem Kontext unter „Wahrheit“ versteht, ich würde am ehesten hier das Konzept von „Wahrheit als Übereinstimmung mit der Realität“ ansetzen wollen) letztlich relativ wenig Einfluß auf den Glauben haben dürfen. Sicherlich, Sie schreiben selbst, daß Ihr Glaube ein „Glaube mit Bezug zur gegenständlichen Welt“ sei. Nur stellt sich hier die Frage, ob wir es uns nicht zuweilen unnötig und (von Gott ungewollt) schwermachen, indem wir Bezüge zwischen Aussagen der Bibel und der gegenständlichen Welt herstellen, die so nie beabsichtigt waren.

(Wie) läßt sich Wahrheit erkennen?

Gegen wir für den Moment einmal davon aus, daß es eine absolute Wahrheit geben kann, dann stellt sich eine entscheidende Frage: Wie läßt sich (diese absolute) Wahrheit erkennen? Bzw., sogar noch einen Schritt zurückgegangen: Läßt sich diese Form von Wahrheit überhaupt als solche erkennen? Konkret: Selbst für den Fall, daß wir in einer Sache zu einer Aussage gelangt sind, die tatsächlich mit der (absoluten) Wahrheit übereinstimmt: Hätten wir eine Chance mitzubekommen, daß wir die Wahrheit vor uns haben?

Letztlich geht es auch hier wieder um grundlegende Fragen der Philosophie und insbesondere der Erkenntnistheorie: Was kann ich als Mensch wissen? Was sind die Quellen meiner Erkenntnis? Wie verläßlich sind diese Quellen? Gibt es Erkenntnisquellen mit (ultimativer) Autorität?

Auch hier bin ich mir wieder meiner eigenen Eingeschränktheit hinsichtlich Wissen, Zeit und Möglichkeit bewußt, diese Thematik auch nur ansatzweise auf die ihr gebührende Weise darzustellen. Deshalb werde ich mich hauptsächlich auf Karl Popper als den wohl die Gegenwart nach wie vor prägendsten Wissenschaftsphilosophen beziehen und weitgehend beschränken.

Gibt es autoritative Erkenntnisquellen?

Vermutlich ist es ein zutiefst menschliches Empfinden, sich nach einer letzten Autorität, einer Sicherheit zu sehnen, die nicht mehr weiter hinterfragt wird. Vielleicht ist es auch eines der besten Beispiele für die menschliche Hybris, wenn wir meinen, eine solche ultimative Autorität in Aussagen jemals zu erlangen bzw. erlangen zu können.

Wahrscheinlich ist es jedenfalls kein Zufall, daß in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts parallel zur fortschreitenden Industrialisierung und der damit einhergehenden immer weitergehenden Naturbeherrschung in verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen der Gedanke aufkam, diese auf ein „sauberes Fundament“ zu stellen. Ein sehr gutes Beispiel dafür ist die „Neuformulierung“ der Mathematik mit dem Ziel, ein vollständig beweisbares und bewiesenes System zu erschaffen. Umso schwerer wiegt in diesem Kontext das endgültige Ende dieses Programmes durch die Arbeiten Kurt Gödels, insbesondere seine „Unvollständigkeitssätze“ [5Gödel, Kurt (1931): Über formal unentscheidbare Sätze der Principia Mathematica und verwandter Systeme, Monatshefte für Mathematik und Physik 38:173-198].

Es ist jedenfalls definitiv kein Zufall, daß nur vier Jahre nach diesem Paukenschlag durch Gödels Arbeiten eines der die Wissenschaftsphilosophie der Gegenwart wohl prägendsten Werke in seiner ersten Auflage erschien: die „Logik der Forschung“ von Karl Popper. Beide, Gödel wie Popper, waren zu dieser Zeit in Wien, beide kannten die Strömung des „Positivismus“, die sie beide geprägt hatte, und beide setzten ihr auf unterschiedliche Art in gewisser Weise ein Ende: Gödel durch den mathematischen Beweis, daß es in formalen Systemen, die die natürlichen Zahlen enthalten, grundsätzlich unentscheidbare Aussagen gibt, Popper durch seine radikale Abkehr vom Konzept autoritativer Erkenntnisquellen, wie er es u.a. in seiner „Logik der Forschung“ [6Popper, Karl (1989): Logik der Forschung, Mohr Siebeck, Tübingen] formuliert:

Die traditionelle Frage [nach den Quellen unserer Erkenntnis] war und ist noch immer: 'Welches sind die besten Quellen unserer Erkenntnis, die verläßlichsten Quellen – Quellen, die uns nicht in die Irre führen werden und an die wir, wenn wir im Zweifel sind, als eine letzte Instanz appellieren können?' Ich schlage vor, davon auszugehen, daß es solche idealen und unfehlbaren Quellen der Erkenntnis ebensowenig gibt wie ideale und unfehlbare Herrscher, und daß alle 'Quellen' unserer Erkenntnis uns manchmal irreleiten. Und ich schlage vor, die Frage nach den Quellen unserer Erkenntnis durch eine ganz andere Frage zu ersetzen: 'Gibt es einen Weg, Irrtümer zu entdecken und auszuschalten?'.

[4Miller, David (Hg.) (1997): Karl R. Popper: Lesebuch, Mohr Siebeck, Tübingen], Kapitel 3: „Erkenntnis ohne Autorität“, S. 32f.
Hervorhebungen im Original

Aber nicht nur, daß Popper sich gegen die Existenz derartiger autoritativer Erkenntnisquellen ausspricht: Er stellt auch klar heraus, wovon sich dieses Konzept autoritativer Quellen unserer Erkenntnis letztlich herleitet - ob uns das bewußt ist oder nicht:

Wie so viele autoritäre Fragen, so ist auch die Frage nach den Quellen der Erkenntnis eine Frage nach der Herkunft. Sie fragt nach dem Ursprung unserer Erkenntnis in dem Glauben, daß die Erkenntnis sich durch ihren Stammbaum legitimieren könne. Die (oft unbewußte) metaphysische Idee, die ihr zugrunde liegt, ist die einer rassisch reinen Erkenntnis, einer unverfälschten Erkenntnis, einer Erkenntnis, die sich von der höchsten Autorität, wenn möglich von Gott selbst ableitet, und der daher die Autorität eines eigenen Adels innewohnt. Meine abgeänderte Fragestellung: 'Was können wir tun, um Irrtum aufzudecken?' ist der Ausfluß der Überzeugung, daß es solche reinen, unverfälschten und unfehlbaren Quellen nicht gibt, und daß man die Frage nach Ursprung und nach Reinheit nicht mit der Frage nach Gültigkeit und nach Wahrheit verwechseln darf.

[4Miller, David (Hg.) (1997): Karl R. Popper: Lesebuch, Mohr Siebeck, Tübingen], Kapitel 3: „Erkenntnis ohne Autorität“, S. 33
Hervorhebungen im Original

Nun ist heute der Rückgriff auf eine göttliche Autorität innerhalb der westlichen Gesellschaften vermutlich kein Thema mehr.3) Allerdings wäre es töricht und vollkommen entgegen dem, was Popper formulierte, einfach „den Wissenschaften“ denselben autoritativen Erkenntnischarakter zuzugestehen, den zuvor göttliche Autoritäten hatten.

Was sind für Popper aber nun adäquate „Quellen der Erkenntnis“? Es ist im vorangegangenen Zitat bereits angeklungen, aber wird von Popper auch in aller Deutlichkeit formuliert:

Was sind nun aber wirklich die Quellen unserer Erkenntnis? Ich glaube, die Antwort auf diese Frage lautet: Es gibt Quellen der verschiedensten Art, aber es gibt keine Erkenntnisquelle, die Autorität besitzt.

[4Miller, David (Hg.) (1997): Karl R. Popper: Lesebuch, Mohr Siebeck, Tübingen], Kapitel 3: „Erkenntnis ohne Autorität“, S. 31
Hervorhebungen im Original

Das bedeutet im Umkehrschluß nicht, daß Popper der Ansicht gewesen wäre, Erkenntnis sei uns als Menschen grundsätzlich nicht zugänglich. Allerdings betont er, daß es eben verschiedene Quellen der Erkenntnis gibt, von denen keine Autorität beanspruchen kann. Im nächsten Abschnitt wird Poppers Konzept eines Weges zur Erkenntnis explizit formuliert werden.

Kritisches Hinterfragen als einziger Weg zur Erkenntnis

In gewisser Weise hat Karl Popper Grundgedanken der Darwinschen Evolutionstheorien für die Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsgeschichte fruchtbar gemacht. Auch wenn Popper es nicht so explizit nennt: Sein Konzept des kritischen Hinterfragens aller Theorien übernimmt die Funktion der „Selektion“, für Variation sorgt die Fähigkeit des Menschen, immer neue Ideen und Erklärungsansätze zu erzeugen. Die kritische Auseinandersetzung mit den jeweils vorgeschlagenen Theorien und Erklärungen ist in Poppers Augen das Entscheidende:

Die rationalistische Tradition, die Tradition der kritischen Diskussion, ist die einzig praktikable Methode, unser Wissen zu erweitern – natürlich nur unser Vermutungs- oder Hypothesenwissen. Es gibt keine andere Methode. Insbesondere gibt es keine Methode, die von Beobachtungen oder Experimenten ausgeht. Bei der Entwicklung der Wissenschaft spielen Beobachtungen und Experimente nur die Rolle von kritischen Argumenten. Das ist eine wichtige Rolle; doch die Bedeutung von Beobachtungen und Experimenten hängt gänzlich von der Frage ab, ob sie dazu benutzt werden dürfen, um bestehende Theorien zu kritisieren.

[4Miller, David (Hg.) (1997): Karl R. Popper: Lesebuch, Mohr Siebeck, Tübingen], Kapitel 1: „Die Anfänge des Rationalismus“, S. 9
Hervorhebungen im Original

Einmal mehr liegt hier Poppers Betonung auch darauf, daß all unser Wissen lediglich „Vermutungs- und Hypothesenwissen“ sei, da wir uns nicht auf letztgültige Autoritäten beziehen können, da es solche seiner Ansicht nach ja gar nicht gibt.

Die überaus kritische Haltung Poppers zur Rolle von Beobachtungen und Experimenten läßt sich auch noch aus hier nicht näher erwähnten Argumenten heraus stützten, vgl. dazu insbesondere [2Chalmers, Alan F. (1999): What is this thing called Science?, Open University Press, Berkshire, UK].

Was die Frage nach der Erkenntnismöglichkeit von Wahrheit angeht, so ist Popper weit davon entfernt zu behaupten, daß wir Wahrheit in einem abstrakten Sinne notwendigerweise als solche erkennen könnten. Wenn er schreibt, „daß man die Frage nach Ursprung und nach Reinheit nicht mit der Frage nach Gültigkeit und nach Wahrheit verwechseln darf“ ([4Miller, David (Hg.) (1997): Karl R. Popper: Lesebuch, Mohr Siebeck, Tübingen], Kapitel 3: „Erkenntnis ohne Autorität“, S. 33), dann geht es ihm vielmehr um „Gültigkeit“ im Sinne einer nach allen Regeln der Wissenschaften überprüften und nach bestem Wissen und Gewissen in ihrer Zeit gültigen Aussage. Offensichtlich verwendet er „Wahrheit“ weitgehend synonym dazu.

Wie Miller in seinem oben bereits schon einmal zitierten Vorwort so treffend schreibt: „Für einen Kritischen Rationalisten ist wichtig, ob die zur Diskussion stehenden Vermutungen richtig sind, und nicht, ob es Gründe gibt anzunehmen, daß sie richtig sind. Wenn eine Vermutung alle Einwände übersteht, die wir gegen sie erheben, dann haben wir auch keinen Grund anzunehmen, daß sie nicht richtig ist.“ ([4Miller, David (Hg.) (1997): Karl R. Popper: Lesebuch, Mohr Siebeck, Tübingen], Einleitung des Herausgebers, S. VIII)

Gibt es einen Fortschritt der Wissenschaften in Richtung Wahrheit?

Selbst wenn es nach Popper keine autoritativen Quellen der Erkenntnis gibt, war er doch fest davon überzeugt, daß es einen Fortschritt in den Wissenschaften gibt und das der von ihm beschriebene Prozeß der kritischen Diskussion und der ständigen kritischen Auseinandersetzung mit den vorgebrachten Theorien mit dem Ziel ihrer Verbesserung tatsächlich zu einer qualitativen Verbesserung unserer Theorien im Sinne eines Abstandes von der letztlichen Realität führt. Allerdings kann man hier unterschiedlicher Ansicht sein, zumal es sich letztlich um eine Überzeugung handelt, die zwar argumentativ durchaus begründbar, aber letztlich ebenfalls (wie all unser Wissen) nicht verifizierbar ist.

Mathematisch formuliert lassen ich zwei Fragen stellen:

  • Konvergiert die Reihe aufeinander folgender Erklärungen?
  • Wenn die Reihe aufeinanderfolgenden Erklärungen konvergiert: Ist der Grenzwert die Wahrheit?

Oder, noch einmal etwas allgemeiner formuliert: Gibt es tatsächlich eine qualitative Entwicklung hinsichtlich unseres Wissens? Und wenn es eine solche qualitative Entwicklung gibt, kommen wir dann mit unseren Erklärungen immer näher an die ultimative Realität heran? Während viele Wissenschaftler geneigt zu sein scheinen, Popper in seiner Überzeugung zu folgen, daß die Qualität unserer Theorien stetig besser wird, gibt es durchaus auch Wissenschaftsphilosophen, die die gegensätzliche Position vertreten und das durchaus auch argumentativ gut begründen können. Einer von ihnen ist P. Kyle Stanford [7Stanford, P. Kyle (2006): Exceeding Our Grasp : Science, History, and the Problem of Unconceived Alternatives, Oxford University Press, New York].

Das Problem in der Beantwortung der zweiten oben genannten Frage ist, daß ihre Beantwortung voraussetzte, daß wir in irgendeiner Weise ein Maß für den Abstand zur Wahrheit haben. Das ist aber gleichbedeutend damit, daß wir bereits in Besitz der Wahrheit sind oder sie doch zumindest ausreichend kennen, um den Abstand unserer gegenwärtig besten Erklärungen zu ihr bestimmen zu können.

Letztlich ist es eine Frage der persönlichen Überzeugung und Vorliebe, ob man davon ausgeht, daß unsere Erklärungen der Wahrheit immer näher kommen oder nicht. Letztlich, um mit Popper zu sprechen, ist diese Frage aber auch unerheblich. Ein letztes Mal sei hierzu Miller in seinem Vorwort zum von ihm herausgegebenen Karl-Popper-Lesebuch zitiert:

Wenn eine Vermutung alle Einwände übersteht, die wir gegen sie erheben, dann haben wir auch keinen Grund anzunehmen, daß sie nicht richtig ist. Ebensowenig, sagt der Kritische Rationalist, gibt es Gründe, nicht anzunehmen, daß sie richtig ist: wir können annehmen, was wir wollen, solange es keinen Grund gibt anzunehmen, daß es falsch ist. In diesem Sinne recht zu haben genügt vollkommen, wie Popper das vielleicht als erster ganz deutlich gesehen hat; es genügt für die abstakte Spekulation über das Universum, das wir bewohnen, und auch für das praktische Leben in diesem Universum. Nur höchst selten wissen wir, daß wir recht haben; aber selbst dann brauchen wir das garnicht zu wissen.

[4Miller, David (Hg.) (1997): Karl R. Popper: Lesebuch, Mohr Siebeck, Tübingen], Einleitung des Herausgebers, S. VIII

Wir werden nie zu der Gewißheit gelangen, daß das, was wir als gegeben annehmen, tatsächlich der Wahrheit entspricht. Aber das ist auch vollkommen unerheblich, solange wir alles dafür tun, unsere Annahmen kritisch zu hinterfragen, und bereit sind, sie immer wieder zu überprüfen bzw. von anderen überprüfen zu lassen.

Wissenschaft und Wahrheit

Nach diesem Gang durch die verschiedenen Wahrheitskonzepte und das seit Popper weitgehend akzeptierte Verständnis, daß Aussagen der Wissenschaften grundsätzlich vorläufigen Charakter haben, möchte ich abschließend noch einmal auf die Ursprungsfrage zurückkommen: Gibt es eine „Wahrheitsorientierung“ der Wissenschaften? Bzw. ist eine Wissenschaft, die nicht grundlegend „der Wahrheit verpflichtet ist“, letztlich irrelevant?

Das bereits in größerem Detail dargelegte Verhältnis der Wissenschaften zum Konzept einer autoritativ gültigen Wahrheit sowie die wesensmäßige Vorläufigkeit aller wissenschaftlichen Aussagen wird von Hans Poser sehr prägnant formuliert:

Nicht nach Wahrheitsbeweisen ist in den Erfahrungswissenschaften zu suchen, denn diese sind dort grundsätzlich unmöglich; vielmehr müssen sogenannte Naturgesetze ausschließlich als Hypothesen betrachtet werden, die so lange beibehalten werden, als sie nicht falsifiziert sind.

[8Poser, Hans (2001): Wissenschaftstheorie. Eine philosophische Einführung, Reclam, Stuttgart], S. 120

Aufgrund des Kontextes der gesamten Diskussion möchte ich hier einmal soweit gehen zu behaupten: Sobald man „Wahrheit“ eine ontologische anstelle einer rein methodischen Komponente zuordnet, entzieht man sie damit dem Zugriffsbereich der Wissenschaften. Das bedeutet nicht, daß Wissenschaften nicht (mehr oder weniger zufällig) zu einer Aussage in einer Sache gelangen können, die mit der Wahrheit deckungsgleich ist, immer natürlich vorausgesetzt, daß es eine objektive, unabhängige (und absolute) Wahrheit gibt. Die Wissenschaft hat allerdings keine Möglichkeit, diese Übereinstimmung festzustellen, da ihr das Konzept einer „ontologischen“ Wahrheit prinzipiell nicht zugänglich ist.

Wahrheit wird in den Wissenschaften immer nur im Sinne einer Gültigkeit der Aussagen verstanden, mit der Konnotation der Vorläufigkeit dieser Gültigkeit, da sie einzig darauf beruht, daß es keine akzeptierten, fundierten Gegenargumente gibt. Auf dieses Verständnis beziehe ich mich, wenn ich von der „rein methodischen Komponente“ der Wahrheit schreibe.

Da die Diskussion um das Wahrheitskonzept in den Wissenschaften aber selten aus rein akademischen Gesichtspunkten geführt wird, möchte ich zum Abschluß noch auf zwei Aspekte eingehen: Das ist zum einen die lebenspraktische Relevanz der Wissenschaften, zum anderen das Selbstverständnis wissenschaftlicher Aussagen, zumal es gerade hinsichtlich dieser beiden Aspekte in Diskussionen mit religiös motivierten Evolutionsgegnern, die ein ganz eigenes „Konzept“ von Wissenschaft vertreten, zu Verständnisschwierigkeiten kommen kann.

Lebenspraktische Relevanz wissenschaftlicher Aussagen

Ganz offensichtlich haben wissenschaftliche Aussagen zuweilen eine hohe Relevanz für das Leben von Menschen. Das wird insbesondere in der zum großen Teil sehr erbitterten Diskussion um die meist religiös motivierte Fundamentalkritik an der Evolution als solcher oder diversen Aspekten der auf Darwin zurückgehenden Evolutionstheorien deutlich.

Allerdings ist trotz dieses offensichtlichen Einflusses wissenschaftlicher Aussagen auf unser Leben4) das vorschnelle Postulat einer „Wahrheitsorientierung“ der Wissenschaften weniger eine argumentativ stichhaltige Aussage denn ein Reflex, der auf dem eigenen, von mit Aussagen der Wissenschaften im Konflikt stehenden und religiös geprägten Weltbild beruht:

„Wenn Wissenschaft nicht an der Wahrheit interessiert wäre, wäre das nur eine Gedankenspielerei, über die man auch nicht streiten müsste.“

Zunächst einmal: Unabhängig von einer gegebenen oder nicht gegebenen Wahrheitsorientierung der Wissenschaften oder einem Interesse derselben an der Wahrheit ist Streit in Form meist wechselseitig verletztender Polemik in meinen Augen nie (oder zumindest höchst selten) angebracht. Um ein Beispiel zu machen: Auch wenn ich über Richard Dawkins gehört habe, daß er ein phantastischer Wissenschaftler und ein sehr herzlicher und netter Mensch sein soll - und ich glaube diesen Quellen, da ich keinen Anlaß für das Gegenteil habe -, teile ich in keiner Weise die mir von ihm bekannte oft verletztende Polemik, was seine Einlassungen zur Ursprungsfrage angeht. Ob ich seine Position und den Grund seiner Polemik verstehen bzw. nachvollziehen kann, ist davon unabhängig und sei hier nicht Gegenstand der Betrachtung.

Streit in seiner Bedeutung als sachlicher Disput um ein Thema gehört für mich dagegen durchaus zu den konstituierenden Aspekten eines intellektuellen Umfeldes und zu den wesentlichen Aspekten eines Umganges miteinander auf fachlicher Ebene. Konkret: Streit, so verstanden, ist notwendiger und wesentlicher (wieder im Sinne von „das eigentliche Wesen ausdrückend“) Teil der Wissenschaften.

Inwieweit die Wissenschaften selbst reine Gedankenspielereien sind oder nicht, sei dahingestellt. Auf jeden Fall haben die Wissenschaften ihren Ausgang in vollständig lebensfernen Gedankenspielereien - und die „eigentliche“ Wissenschaft (als unscharfe Abgrenzung zur „angewandten Wissenschaft“, wie das u.a. die Ingenieurswissenschaften sind) ist idealerweise keinem anderen Ziel verpflichtet als der Vermehrung des Wissens (und damit erstaunlich wenig lebenspraktisch).

Für gewöhnlich verdeutlicht man diesen Aspekt damit, daß man annimmt, daß die uns bekannten Wissenschaften ihren Ausgang u.a. darin nahmen, daß Denker der Antike auf den - zugegeben vollkommen lebensirrelevanten - Gedanken kamen, den aus der Landvermessung bekannten und dort höchst praktischen und relevanten Satz des Pythagoras zu beweisen.

Soweit also erst einmal zum Aspekt der Wissenschaften als „reiner Gedankenspielerei“. Selbstverständlich hat die Wissenschaft neben ihrem Charakter als reiner Gedankenspielerei auch ganz lebenspraktische Auswirkungen, wenn auch über den Umweg der angewandten Wissenschaften. Der entscheidende Aspekt in der Entwicklung einer Gesellschaft war und ist dabei immer wieder das Aufbrechen des Wissensmonopols. Natürlich bedeutet Wissen Macht - das sehen wir gerade wieder einmal sehr deutlich in der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Diskussion um die Veröffentlichungen geheimer Informationen im großen Stil. Der Aufbruch der Gesellschaft mit dem Ende des Mittelalters und mit dem Beginn der Neuzeit ist in vielerlei Hinsicht auch ein Aufbruch alter Wissensmonopole und einer zunehmenden Demokratisierung des Zuganges zu Wissen, das nicht länger Herrschaftswissen war.

Das gesamte Poppersche Konzept der Wissenschaftsphilosophie und des Wesens der Wissenschaft funktioniert nur in einer weitgehend demokratischen Wissensgesellschaft, wo jeder potentiell Zugang zu Wissen und Daten hat und jeder seine Ideen dazu beitragen kann. Vor diesem Hintergrund ist auch sein Optimismus zu sehen, daß sich die Wissenschaften als eine Reihe von Hypothesen und deren Widerlegung bzw. Modifikation immer weiterentwickeln werden - und sein Optimismus, daß die Wissenschaften dabei immer näher an etwas kommen, was wir vielleicht als „ultimative Wahrheit“ bezeichnen können. Aber wie schon oben ausgeführt: Dieser letzte Aspekt ist für die Beschreibung des Wesens der Wissenschaften nach Popper irrelevant.

Gleichzeitig scheint mir aber auch Popper für die Frage der Gültigkeit des Wissens in den (nicht formalen) Wissenschaften eine ähnliche Rolle einzunehmen wie Kant hinsichtlich der Gottesbeweise: So wie nach Kant ein formaler Gottesbeweis weithin anerkannt als nicht mehr führbar gilt, so könnte man nach Popper den Absolutheitscharakter wissenschaftlicher Aussagen als endgültig widerlegt ansehen. All die Aussagen, die Wissenschaften treffen können, sind immer nur Aussagen auf der Basis der momentan zur Verfügung stehenden Daten. Diese Aussagen nehmen aber keinerlei Absolutheitscharakter für sich in Anspruch.

Selbstverständnis wissenschaftlicher Aussagen

Eine weitere Aussage, die in derselben Diskussion fiel und die unmittelbar an das zuvor ausgeführte anknüpfte, war der Verweis darauf, Wissenschaftler sprächen selten bis nie im Konjunktiv, sondern stellten ihre Aussagen durchaus im Indikativ vor - quasi als Aussagen über wahre Dinge. Allerdings liegt hier wiederum in meinen Augen ein falsches Verständnis der Reichweite und der Möglichkeiten von Wissenschaft vor.

Natürlich sprechen Wissenschaftler im Indikativ, zumal wenn ihrer Ansicht nach die bekannten Daten die formulierte Aussage bestätigen bzw. wenn es keine „kritische Masse“ der Aussage widersprechender Daten gibt. Natürlich muß man hier einwenden, daß der entscheidende Begriff der der „kritischen Masse“ widersprechender Daten ist. Selbstverständlich ist dieser Aspekt Gegenstand persönlicher Betrachtung und Vorlieben. Trotzdem läßt sich in der Realität meist eine relativ große Übereinstimmung erzielen - oder doch zumindest die Beschränkung auf wenige miteinander konkurrierende Erklärungsmodelle, die aber jedes wiederum für sich fest auf dem Boden der Wissenschaften stehen und sich an die Kriterien der Wissenschaftlichkeit (insbesondere den Verzicht auf Teleologie und die Beschränkung auf Mechanismen bzw. innerweltliche Ursachen - zur Frage eines weltimmanenten Schöpfers siehe die getrennte Diskussion) halten.

Eine reflektierte Wissenschaft ist sich der Grenzen der Reichweite ihrer Aussagen bewußt. (Streng genommen, da „Wissenschaft“ ja kein Bewußtsein hat: Der reflektierte Wissenschaftler ist sich der Grenzen der Reichweite der Aussagen der von ihm betriebenen Wissenschaft bewußt.) Diese Reflexion der Wissenschaft ist Hauptbetätigungsfeld der Wissenschaftsphilosophie, gehörte aber letztlich auch in das Curriculum jedes Wissenschaftlers, der Aussagen über seine Wissenschaft und deren Realitätsbezug machen möchte. Inwieweit die einzelnen Wissenschaftler sich der Beschränktheit der Aussagen ihres Betätigungsfeldes bewußt sind, ist eine davon in erster Linie unabhängige Frage.

Sicherlich möchte Wissenschaft, möchten Wissenschaftler Aussagen mit Realitätsbezug machen. Allerdings kommt für mich hinsichtlich des Wahrheitsgehaltes dieser Aussagen, wie nun schon mehrfach formuliert, nur das Konzept von „Wahrheit als Übereinstimmung mit der Realität“ infrage - im vollen Bewußtsein der Vergänglichkeit und Vorläufigkeit dieser Aussagen.

Um noch einmal Teile des obigen Zitates zu wiederholen: “[W]ir können annehmen, was wir wollen, solange es keinen Grund gibt anzunehmen, daß es falsch ist. In diesem Sinne recht zu haben genügt vollkommen, wie Popper das vielleicht als erster ganz deutlich gesehen hat; es genügt für die abstakte Spekulation über das Universum, das wir bewohnen, und auch für das praktische Leben in diesem Universum. Nur höchst selten wissen wir, daß wir recht haben; aber selbst dann brauchen wir das garnicht zu wissen.“

Fazit

Wahrheit im Sinne einer autoritativen Erkenntnisquelle steht uns Menschen nicht zur Verfügung. Insofern können wir alle wissenschaftlichen Aussagen ausschließlich auf den Daten und Ideen gründen, die uns zur Verfügung stehen und nach Popper einerseits versuchen, diese selbstgewählten Grundlagen so gut als möglich zu hinterfragen und andererseits einer kritischen Überprüfung gegenüber offen zu sein. Allerdings betont auch schon Popper, daß nicht der Urheber einer Idee selbst notwendigerweise der kritischen Überprüfung gegenüber offen sein muß. Es genügt vollkommen, daß es über die Zeit gesehen ausreichend viele Wissenschaftler gibt, die sich des Themas annehmen und die die notwendige kritische Herangehensweise mitbringen.

Es steht jedem Menschen frei, auch jedem Wissenschaftler, Aussagen der Wissenschaften als Maßstab für das eigene Leben heranzuziehen und das eigene Leben entsprechend danach auszurichten. Insofern können Aussagen der Wissenschaft durchaus auch lebensrelevant werden und quasi-religiöse Bedeutung bekommen. Das fällt dann allerdings nicht mehr in den Bereich der Wissenschaften.

Literatur

[1]
Junker, Reinhard (2009): Spuren Gottes in der Schöpfung?, SCM Hänssler, Stuttgart
[2]
Chalmers, Alan F. (1999): What is this thing called Science?, Open University Press, Berkshire, UK
[3]
Hacking, Ian (1996): Einführung in die Philosophie der Naturwissenschaften, Philipp Reclam jun., Stuttgart
[4]
Miller, David (Hg.) (1997): Karl R. Popper: Lesebuch, Mohr Siebeck, Tübingen
[5]
Gödel, Kurt (1931): Über formal unentscheidbare Sätze der Principia Mathematica und verwandter Systeme, Monatshefte für Mathematik und Physik 38:173-198
[6]
Popper, Karl (1989): Logik der Forschung, Mohr Siebeck, Tübingen
[7]
Stanford, P. Kyle (2006): Exceeding Our Grasp : Science, History, and the Problem of Unconceived Alternatives, Oxford University Press, New York
[8]
Poser, Hans (2001): Wissenschaftstheorie. Eine philosophische Einführung, Reclam, Stuttgart
1) Natürlich kann man auch in der Frage, inwieweit eine Auseinandersetzung mit der eingangs zitierten Ansicht hinsichtlich einer „Wahrheitsorientierung“ der Wissenschaften insbesondere im gegebenen Kontext der Diskussion um die meist religiös motivierte Evolutionskritik überhaupt sinnvoll sei, geteilter Ansicht sein. Allerdings vertrete ich nicht die Ansicht, daß eine detailliertere Auseinandersetzung mit einer Aussage gleich bedeutet, daß diese Aussage für sich betrachtet ernstzunehmen ist. Es ist ein Unterschied, ob ich mich mit einer Aussage auseinandersetze, weil ich den Menschen hinter der Aussage ernstnehmen möchte, oder ob ich die Aussage als solche ernstnehme und mich um ihrer selbst willen mit ihr beschäftige.
2) Diesen Charakter einer direkten schriftlichen Auseinandersetzung kann man zuweilen auch noch erkennen. Insbesondere das Eingehen auf sehr spezifische Ansichten ist dieser Tatsache geschuldet. Deshalb erhebt dieser Essay auch nicht den Anspruch auf möglichst umfassende und allgemeingültige Behandlung der Fragestellung.
3) Ein Problem mit dieser Formulierung ergibt sich aus dem Begriff „Gesellschaften“: Betrachtet man Umfragen aus den USA zum Thema, könnte man durchaus den Eindruck gewinnen, daß eine Mehrheit der Bevölkerung nach wie vor an einer göttlichen Autorität festhält. Allerdings dürfte innerhalb einer „intellektuellen Elite“ dieses Denken Position nur einer verschwindenden Minderheit sein.
4) Einmal vollkommen abgesehen davon, daß unser gesamtes Leben in nie dagewesener Weise von den Erkenntnissen der Wissenschaften geprägt ist.
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