Intelligent Design: Argumente und Ziele seiner Vertreter

Intelligent Design (ID) ist, wie seine Vertreter betonen, einerseits ein wissenschaftliches Forschungsprogramm, das eine Alternative zum darwinistischen Evolutionsparadigma bieten soll, andererseits aber auch eine Bewegung mit politischen und gesellschaftlichen Zielen, die den vorherrschenden philosophischen Naturalismus als unhaltbar herausstellen und durch einen theistischen Realismus ersetzen will. Die Schlüsselkonzepte des wissenschaftlichen ID-Ansatzes sind die „nichtreduzierbare Komplexität“ (Behe), sowie die „komplexe spezifizierte Information“ und der „Erklärungsfilter“ (Dembski). Daneben werden das anthropische Prinzip in seiner teleologischen Form und Lücken in den gegenwärtigen Evolutionstheorien als weitere Argumente für ID herangezogen. Während es in den USA mehrere Institute mit christlichem Hintergrund gibt, die die ID-Bewegung finanziell und personell unterstützen, kann im deutschsprachigen Raum nicht von einer eigenständigen Bewegung gesprochen werden.

Einführung

Zu behaupten, Intelligent Design wäre lediglich ein (wissenschaftliches) Forschungsprogramm, ist genauso unzureichend, wie es ausschließlich als Bewegung mit politischen Zielen zu charakterisieren. Tatsächlich sind das die zwei Seiten derselben Medaille. Während einige ID-Vertreter ernstlich darum bemüht sind, ein wissenschaftliches Forschungsprogramm zu formulieren und umzusetzen, gibt es nachweislich auch die andere Seite: eine Bewegung mit vornehmlich politischen Zielen.

Hinzu kommt, daß die ganze Auseinandersetzung um ID oft in hohem Maße emotional und unsachlich geführt wird. Während die Gegner der ID-Bewegung nicht müde werden, deren religiöse und politische Motivation hervorzuheben, gefallen sich die ID-Vertreter oft in der Opferrolle: Sie würden zu Unrecht der Unsachlichkeit bezichtigt und von der offiziellen Wissenschaft nicht anerkannt. Daher sei der Vorwurf, ihnen sei es bisher nicht gelungen, referierte1) wissenschaftliche Publikationen zu ID zu veröffentlichen, unredlich.

Im Folgenden soll beides dargestellt werden: Sowohl die Argumente für ID, auf denen aufbauend ein (wissenschaftliches) Forschungsprogramm entwickelt werden soll, als auch die (politischen) Ziele der ID-Bewegung insbesondere in den USA. Daran schließt sich ein Überblick über die wichtigsten Vertreter der ID-Bewegung in den USA und im deutschsprachigen Raum an.

Argumente der ID-Bewegung

Trotz der Bekräftigung, naturwissenschaftlich begründete Einwände gegen das vorherrschende neodarwinistische Evolutionsparadigma zu erheben, sind die meisten Argumente der ID-Vertreter zumindest teilweise der philosophischen Diskussion zuzuordnen: Der Ansatz Phillip Johnsons, methodischen und philosophischen Naturalismus strikt zu trennen, ist eine (wissenschafts)philosophische Fragestellung. Aber auch der Ansatz von Behe und Dembski („Nichtreduzierbare Komplexität“ und „Komplexe spezifizierte Information“) reichen insoweit über die Grenzen der Naturwissenschaften hinaus, als daß sie deren Grenzen aufzeigen wollen. Das zuweilen ebenfalls im Kontext mit ID wieder auflebende „Anthropische Prinzip“2) ist trotz der empirischen Grundlagen im Kern eine philosophische Fragestellung.

Methodischer und philosophischer Naturalismus

Der Schlüssel zum Erfolg unserer Naturwissenschaften liegt in ihrer Methodik, deren Grundlagen wesentlich vom englischen Philosophen Francis Bacon gelegt wurden [1Bacon, Francis (1605): The Advancement of Learning, Clarendon Press, Oxford]. Er lehnt die in seinen Augen oft fruchtleeren Diskussionen der Philosophen ab und fordert zur Beobachtung und zum Experiment heraus. Außerdem durchbricht er das scholastische Denken, das davon ausging, alles, was die Menschheit je wissen könne, sei bereits formuliert, und setzt dem eine Reihe von Wissensgebieten gegenüber, auf denen es seiner Meinung nach noch viel zu entdecken gibt.

Seine Betonung des empirischen Vorgehens und der objektiven Beschreibung der Natur führte zum „methodischen Naturalismus“: Um die Regelhaftigkeit der Vorgänge in der Natur zu beschreiben, sind nur formalisierbare Gesetzmäßigkeiten erlaubt, nicht der Verweis auf (vermeintlich) göttliches Eingreifen. Ihm scheint die spätere radikale Schlußfolgerung von Laplace, Gott gänzlich aus dem Weltbild zu entfernen, da er schließlich nicht zur Erklärung der aktuellen Vorgänge gebraucht werde, allerdings fern gelegen zu haben.

„Eine solche Hypothese brauche ich nicht!“ soll Laplace auf die Frage geantwortet haben, wo in seinem System Gott bleibe. Auch wenn das Zitat nur zugeschrieben ist, es verdeutlicht doch sehr gut den Unterschied (und gleichzeitig den Übergang) zwischen methodischem und philosophischem Naturalismus. Während ersterer eine wesentliche Voraussetzung der (Natur-)Wissenschaften3) ist, ist der philosophische Naturalismus eine nicht daraus ableitbare Position, eine a priori-Entscheidung des jeweiligen Vertreters.

Die Feststellung, daß der philosophische Naturalismus (und damit die Verneinung der Existenz eines höheren Wesens, das außerhalb der uns empirisch zugänglichen Welt existiert) nicht zwingend aus dem methodischen Naturalismus abgeleitet werden kann, wurde von Phillip Johnson in seinem Buch „Darwin on Trial“ [2Johnson, Phillip E. (1993 [1991]): Darwin on trial, InterVarsity Press, Downers Grove] erstmals4) betont und ist seitdem zu seinem Generalthema geworden (u.a. [3Johnson, Phillip E. (1999): The Wedge. Breaking the Modernist Monopoly on Science, Touchstone 12:18]).

Allerdings geht Johnson einen Schritt weiter und wirft den Vertretern der Evolutionsanschauung vor, mehr oder weniger unhinterfragt eine metaphyische a priori-Entscheidung (die eines philosophischen Naturalismus) hinzunehmen und nicht bereit zu sein, sich dieser metaphysischen Grundlage ihres Modells bewußt zu werden und zu stellen.

Bis zu einem gewissen Punkt muß man Johnson mit Blick auf Evolutionsvertreter wie Richard Dawkins (u.a. [4Dawkins, Richard (1976): The Selfish Gene, Oxford University Press, Oxford, 5Dawkins, Richard (1996 [1986]): The Blind Watchmaker, Norton, London]) und Daniel Dennett [6Dennett, Daniel C. (1995): Darwin's Dangerous Idea : Evolution and the Meaning of Life, Simon and Schuster Paperbacks, New York] recht geben, da beide überzeugte Atheisten sind und keine andere Sicht als logisch haltbar und mit dem gesunden Menschenverstand vereinbar gelten lassen wollen.

Dawkins und Dennett vertreten eine Extrem-, wenn auch nicht zwangsläufig eine Außenseiterposition, die nicht für alle Wissenschaftler als repräsentativ angesehen werden kann. Insbesondere der Wissenschaftsphilosoph und überzeugte Darwinist Michael Ruse hat über die letzten gut zehn Jahre die Position vertreten und in einigen Publikationen schrittweise verfeinert und ausgebaut, daß das Evolutionsparadigma genauso wie ein Schöpfungsparadigma auf nicht beweisbaren und letztlich metaphysischen Grundprämissen ruhe [7Ruse, Michael (1993): Nonliteralist Antievolutionism, in: 1993 Annual Meeting of the American Association for the Advancement of Science, 8Ruse, Michael (2003): Is Evolution a Secular Religion?, Science 299:1523-1524, 9Ruse, Michael (2005): The Evolution-Creation Struggle, Harvard University PRess, Cambridge, MA]. Er tritt dafür ein, sich dieser Grundlagen bewußt zu sein und sie offen beim Namen zu nennen.

Komplexität der belebten Welt

Das „Design-Argument“5) ist nicht neu, es läßt sich bis auf Sokrates zurückführen [10Ruse, Michael (2004): The Argument from Design : A Brief History, in Dembski, William A.; Ruse, Michael (Hg.): Debating Design: From Darwin to DNA, Kap. 2, S. 13-31, Cambridge University Press, Cambridge]. Kurzgefaßt lautet dieses Argument, die von uns beobachtbare Welt enthalte Aspekte, die nur durch Verweis auf einen Schöpfer zu erklären seien, nicht durch innerweltliche Prozesse. Im Grunde ist dieses Argument der Philosophie zuzurechnen. Hier erhielt es seinen ersten großen Schlag durch Hume [11Hume, David (1779): Dialogues Concerning Natural Religion, Clarendon Press, Oxford, 12Oppy, Graham (1996): Hume and the Argument for Biological Design, Biology and Philosophy 11:519-534]. Darwin zeigte dann in seinem Hauptwerk „On the Origin of Species“ [13Darwin, Charles (1859): On the Origin of Species by Means of Natural Selection or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life, John Murray, London] die logische Möglichkeit einer Entstehung des Lebens ohne Eingriff eines Schöpfers auf und untermauerte sie mit empirischen Daten seiner zahlreichen Beobachtungen6).

Die Besonderheit des „Intelligent Design“ besteht nun darin, daß seine Vertreter behaupten, eine naturwissenschaftliche Formulierung des Design-Argumentes gefunden (und seine Gültigkeit gezeigt) zu haben (u.a. [14Behe, Michael J. (1998 [1996]): Darwin's black box: the biochemical challenge to evolution, Simon & Schuster, New York, 15Behe, Michael J. (2001): Reply to My Critics: A Response to Reviews of Darwin's Black Box: The Biochemical Challenge to Evolution, Biology and Philosophy 16:685-709, 16Behe, Michael J. (2004): Irreducible Complexity: Obstacle to Darwinian Evolution, in Dembski, William A.; Ruse, Michael (Hg.): Debating Design: From Darwin to DNA, Kap. 19, S. 352-370, Cambridge University Press, Cambridge, 17Dembski, William A. (1998): The Design Inference: Eliminating Change through Small Probabilities, Cambridge University Press, Cambridge, 18Dembski, William A. (2004): The Logical Underpinnings of Intelligent Design, in Dembski, William A.; Ruse, Michael (Hg.): Debating Design: From Darwin to DNA, Kap. 17, S. 311-330, Cambridge University Press, Cambridge]. Das Konzept der „nichtreduzierbaren Komplexität“7) [14Behe, Michael J. (1998 [1996]): Darwin's black box: the biochemical challenge to evolution, Simon & Schuster, New York] bzw. der „spezifizierten Komplexität/komplexen spezifizierten Information“ [17Dembski, William A. (1998): The Design Inference: Eliminating Change through Small Probabilities, Cambridge University Press, Cambridge, 19Dembski, William A. (2002): No Free Lunch: Why Specified Complexity Cannot Be Purchased without Intelligence, Rowman and Littlefield, Lanham, MD] stützt sich dabei direkt auf eine Passage in Darwins Hauptwerk, die oft auch als das „Falsifikations-Kriterium“ seiner Theorie bezeichnet wird:

If it could be demonstrated that any complex organ existed, which could not possibly have been formed by numerous, successive, slight modifications, my theory would absolutely break down.

[13Darwin, Charles (1859): On the Origin of Species by Means of Natural Selection or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life, John Murray, London], S. 189

An genau diesem Satz entzündet sich ein Großteil der aktuellen Debatte um Intelligent Design. Konnte ein solches System gezeigt werden? Behe und mit ihm die Vertreter der ID-Bewegung bejahen die Frage mit Verweis auf die Komplexität der biochemischen Grundlagen des zellulären Stoffwechsels und damit des Lebens:

Biochemistry has pushed Darwin's theory to the limit. It has done so by opening the ultimate black box, the cell, thereby making possible our understanding of how life works. It is the astonishing complexity of subcellular organic structures that has forced the question, How could all this have evolved? … An explanation for the origin of a function must keep pace with contemporary science.

[14Behe, Michael J. (1998 [1996]): Darwin's black box: the biochemical challenge to evolution, Simon & Schuster, New York], S. 15

Doch vor einer näheren Betrachtung der beiden Konzepte von Behe und Dembski ist es interessant, sich der selbstgesteckten Grenzen ihrer Argumentation bewußt zu sein.

Reichweite des Design-Arguments der ID-Bewegung

Ein wesentlicher Unterschied zwischen der ID-Bewegung und dem Kreationismus älterer Spielart (etwa die „creation science“ in den USA in den 1980er Jahren) liegt neben der durchweg akademischen Ausbildung der Hauptvertreter in der klaren Beschränkung dessen, was vom neodarwinistischen Paradigma hinterfragt wird.

Im Gegensatz zum „klassischen“ Kreationismus steht die gemeinsame Abstammung aller Lebewesen nicht zur Debatte, wie Behe und Dembski übereinstimmend feststellen, sondern stattdessen der Mechanismus, der zu dieser Entwicklung geführt hat:

I dispute the mechanism of natural selection, not of common descent.

[15Behe, Michael J. (2001): Reply to My Critics: A Response to Reviews of Darwin's Black Box: The Biochemical Challenge to Evolution, Biology and Philosophy 16:685-709], S. 697

The central issue [of Intelligent Design], therefore, is not the relatedness of all organisms, or what typically is called common descent. Indeed, Intelligent Design is perfectly compatible with common descent. Rather, the central issue is how biological complexity emerged and whether intelligence played an indispensable (which is not to say exclusive) role in its emergence.

[18Dembski, William A. (2004): The Logical Underpinnings of Intelligent Design, in Dembski, William A.; Ruse, Michael (Hg.): Debating Design: From Darwin to DNA, Kap. 17, S. 311-330, Cambridge University Press, Cambridge], S. 323

Worauf diese Beschränkung begründet ist8) und ob sie ausreicht, um die Argumente von Behe und Dembski innerhalb der Naturwissenschaften zu halten, wird später zu diskutieren sein.

Nichtreduzierbare Komplexität

Das Kernkonzept des Buches „Darwin's Black Box“ von Michael Behe ist die „nichtreduzierbare Komplexität“. Behe definiert diesen Begriff wie folgt:

By irreducibly complex I mean a single system composed of several well-matched, interacting parts that contribute to the basic function, wherein the removal of any one of the parts causes the system to effectively cease functioning. An irreducibly complex system cannot be produced directly (that is, by continuously improving the initial function, which continues to work by the same mechanism) by slight, successive modifications of a precursor system, because any precursor to an irreducibly complex system that is missing a part is by definition nonfunctional.

[14Behe, Michael J. (1998 [1996]): Darwin's black box: the biochemical challenge to evolution, Simon & Schuster, New York], S. 39

In einem fünf Jahre nach dem Erscheinen des Buches erschienenen Artikel geht Behe auf einige Schwächen dieser Definition ein [15Behe, Michael J. (2001): Reply to My Critics: A Response to Reviews of Darwin's Black Box: The Biochemical Challenge to Evolution, Biology and Philosophy 16:685-709]. Zum einen erweitert er den ersten Satz seiner Definition um ein (wesentliches) Wort:

a single system which is necessarily composed of several well-matched, interacting parts that contribute to the basic function, and where the removal of any one of the parts causes the system to effectively cease functioning.

[15Behe, Michael J. (2001): Reply to My Critics: A Response to Reviews of Darwin's Black Box: The Biochemical Challenge to Evolution, Biology and Philosophy 16:685-709], S. 694, Hervorhebung im Original

Eine weitere Schwäche, auf die Behe kurz eingeht, ohne sie zu beheben, ist, daß der Fokus der Definition darauf liegt, ein Teil eines Systems zu entfernen, wohingegen im evolutiven Kontext das Gegenteil im Vordergrund steht: der Zusammenbau eines solchen Systems aus seinen Einzelteilen ([15Behe, Michael J. (2001): Reply to My Critics: A Response to Reviews of Darwin's Black Box: The Biochemical Challenge to Evolution, Biology and Philosophy 16:685-709], S. 695).

Ein sehr wichtiger Aspekt des Konzeptes der nichtreduzierbaren Komplexität, auf die Behe auch bei den Antworten auf seine Kritiker immer wieder hinweist ([16Behe, Michael J. (2004): Irreducible Complexity: Obstacle to Darwinian Evolution, in Dembski, William A.; Ruse, Michael (Hg.): Debating Design: From Darwin to DNA, Kap. 19, S. 352-370, Cambridge University Press, Cambridge], S. 364ff.), ist der Unterschied zwischen einem physikalischen und einem konzeptionellen Vorläufer:

To feel the full force of the conclusions that a system is irreducibly complex and therefore has no functional precursors, we need to distinguish between a physical precursor and a conceptual precursor.

[14Behe, Michael J. (1998 [1996]): Darwin's black box: the biochemical challenge to evolution, Simon & Schuster, New York], S. 43

Häufig unterläuft den Kritikern seines Konzeptes der Fehler, kommend von der Analogie des menschlichen Konstrukteurs konzeptionelle und physikalische Vorläufer zu verwechseln. Ein konzeptioneller Vorläufer ist dabei ein System, das eine ähnliche Aufgabe erfüllt, aber dabei strukturell vollkommen verschieden vom betrachteten System sein kann. Ein physikalischer Vorläufer ist dagegen ein System, aus dem heraus direkt das betrachtete System entwickelt werden kann9).

Einwände gegen das Konzept der nichtreduzierbaren Komplexität

Das zuweilen in der Debatte um ID gehörte Argument, die von Seiten der ID-Vertreter vorgebrachten Argumente würden von der „offiziellen“ Wissenschaft ignoriert, ist nicht haltbar. Schon bald nach seinem Erscheinen wurde Behes „Darwin's Black Box“ prominent rezensiert ([20Coyne, Jerry A. (1996): God in the details, Nature 383:227-8, 21Cavalier-Smith, Tom (1997): The Blind Biochemist, Trends in Ecology and Evolution 12:162-163]), und in der Folgezeit erschienen, meist als Beiträge zu Sammelbänden, Auseinandersetzungen mit dem Konzept der nichtreduzierbaren Komplexität (u.a. [22Young, Matt (2004): Grand Designs and Facile Analogies: Exposing Behe's Mousetrap and Dembski's Arrow, in Young, Matt; Edis, Taner (Hg.): Why Intelligent Design Fails : A Scientific Critique of the New Creationism, Kap. 2, S. 20-31, Rutgers University Press, New Brunswick, 23Ussery, David (2004): Darwin's Transparent Box: The Biochemical Evidence for Evolution, in Young, Matt; Edis, Taner (Hg.): Why Intelligent Design Fails : A Scientific Critique of the New Creationism, Kap. 4, S. 48-57, Rutgers University Press, New Brunswick, 24Gishlick, Alan D. (2004): Evolutionary Paths to Irreducible Systems: The Avian Flight Apparatus, in Young, Matt; Edis, Taner (Hg.): Why Intelligent Design Fails : A Scientific Critique of the New Creationism, Kap. 5, S. 58-71, Rutgers University Press, New Brunswick, 25Musgrave, Ian (2004): Evolution of the Bacterial Flagellum, in Young, Matt; Edis, Taner (Hg.): Why Intelligent Design Fails : A Scientific Critique of the New Creationism, Kap. 6, S. 72-84, Rutgers University Press, New Brunswick, 26Miller, Kenneth R. (2004): The Flagellum Unspun. The Collapse of "Irreducible Complexity", in Dembski, William A.; Ruse, Michael (Hg.): Debating Design: From Darwin to DNA, Kap. 5, S. 81-97, Cambridge University Press, Cambridge])

Auf drei wichtige Einwände gegen das Konzept der nichtreduzierbaren Komplexität soll im Folgenden kurz eingegangen werden. Eine Wertung dieser Einwände und der Entgegnungen seitens Behe (und der Entgegnungen auf die Entgegnungen usw.) muß dem Leser überlassen bleiben. Bezüglich der Frage, inwieweit ID (natur)wissenschaftlich sei, versucht der Artikel "Intelligent Design: keine ernstzunehmende wissenschaftliche Alternative zum Evolutionsmodell" eine Antwort zu geben.

Argumentum ad ignorantiam. Eine Kritik, die wiederholt an Behes Konzept der nichtreduzierbaren Komplexität (und in gewissem Sinne am Design-Argument allgemein) geübt wurde, ist, daß es sich dabei um ein argumentum ad ignorantiam10) handele (u.a. [28Waschke, Thomas (2003): Intelligent Design — Eine Alternative zur naturalistischen Wissenschaft?, Skeptiker 16:128-136]). Die ID-Vertreter könnten nur negative (gegen eine darwinistische Evolution gerichtete) Argumente für die eigene Position vorbringen, nicht aber positive Belege. Ein Beispiel dafür ist die häufig wiederholte Behauptung Behes und anderer, es gebe in der wissenschaftlichen Fachliteratur keine ausreichend detaillierten Ansätze, die Entstehung nichtreduzierbar komplexer Systeme darwinistisch zu erklären:

The impotence of Darwinian theory in accounting for the molecular basis of life is evident not only from the analyses in this book, but also from the complete absence in the professional scientific literature of any detailed models by which complex biochemical systems could have been produced…

[14Behe, Michael J. (1998 [1996]): Darwin's black box: the biochemical challenge to evolution, Simon & Schuster, New York], S. 187

Eng mit dieser Kritik verknüpft ist der Vorwurf, ID sei aufgrund der ausschließlich negativen Argumentation kein wissenschaftlich fruchtbares Forschungsprogramm. Dieser Kritik wird von verschiedener Stelle heftig widerprochen ([29Junker, Reinhard: Intelligent Design, http://www.genesisnet.info/pdfs/Intelligent_Design.pdf, 30Junker, Reinhard: Irreduzible Komplexität, http://www.genesisnet.info/pdfs/Irreduzible_Komplexitaet.pdf, 31Behe, Michael J. (1998): Intelligent Design Theory as a Tool for Analyzing Biochemical Systems, in Dembski, William A. (Hg.): Mere Creation : Science, Faith & Intelligent Design, Kap. 7, S. 178-194, InterVarsity Press, Downers Grove, IL, 16Behe, Michael J. (2004): Irreducible Complexity: Obstacle to Darwinian Evolution, in Dembski, William A.; Ruse, Michael (Hg.): Debating Design: From Darwin to DNA, Kap. 19, S. 352-370, Cambridge University Press, Cambridge, 32Dembski, William A. (2002): Becoming a Disciplined Science: Prospects, Pitfalls, and Reality Check for ID, in: RAPID Conference (Research and Progress in Intelligent Design)]).

Rein definitorische Macht des Begriffs. Ein weiterer häufig genannter Einwand ist, daß das Kriterium der nichtreduzierbaren Komplexität seine Schlagkraft ausschließlich aus der Definition bezieht, aber letztlich ein rein hypothetisches Konzept ohne praktische Relevanz bleibt. Diese „Gefahr“ sieht Behe selbst:

At this point of our discussion irreducible complexity is just a term whose power resides mostly in its definition. We must ask how we can recognize an irreducibly complex system. Given the nature of mutation, when can we be sure that a biological system is irreducibly complex?

The first step in determining irreducible complexity is to specify both the function of the system and all system components. An irreducibly complex object will be composed of several parts, all of which contribute to the function. […]

The second step in determining if a system is irreducibly complex is to ask if all the components are required for the function.

[14Behe, Michael J. (1998 [1996]): Darwin's black box: the biochemical challenge to evolution, Simon & Schuster, New York], S. 42

Die Diskussion entzündet sich meist daran, inwieweit die beiden von Behe genannten Schritte zur Klassifizierung eines Systems als nichtreduzierbar komplex im Einzelfall durchführbar sind bzw. inwieweit die in der Definition Behes gegebenen Schlußfolgerungen11) gültig sind. Analoges gilt für das Konzept der „komplexen spezifizierten Information“ von Dembski (s.u.).

Intelligent Design ist destruktiv. Es ersetzt einen Mechanismus für die Entstehung komplexer Strukturen (natürliche Selektion auf der Basis von Variation) durch keinen Mechanismus:

An assertion that some device or system was intelligently designed is not an explanation of the mechanism by which it was assembled. It is simply the claim that intelligent input was involved at some point in its assembly.

[15Behe, Michael J. (2001): Reply to My Critics: A Response to Reviews of Darwin's Black Box: The Biochemical Challenge to Evolution, Biology and Philosophy 16:685-709], S. 701

Eng verknüpft mit dieser Kritik ist der Vorwurf, ID sei ein Hemmschuh für die Wissenschaft, da es zwar eine existierende Erklärung als ungültig verwerfe, aber einerseits keine Alternative anzubieten habe und andererseits konzeptionell die grundsätzliche Möglichkeit, naturwissenschaftliche Aussagen über die Mechanismen der Entstehung komplexer Systeme zu machen, ausschließe. Auch hiergegen wurde und wird von Seiten der ID-Vertreter verschiedentlich argumentiert (u.a. [15Behe, Michael J. (2001): Reply to My Critics: A Response to Reviews of Darwin's Black Box: The Biochemical Challenge to Evolution, Biology and Philosophy 16:685-709, 29Junker, Reinhard: Intelligent Design, http://www.genesisnet.info/pdfs/Intelligent_Design.pdf, 30Junker, Reinhard: Irreduzible Komplexität, http://www.genesisnet.info/pdfs/Irreduzible_Komplexitaet.pdf, 18Dembski, William A. (2004): The Logical Underpinnings of Intelligent Design, in Dembski, William A.; Ruse, Michael (Hg.): Debating Design: From Darwin to DNA, Kap. 17, S. 311-330, Cambridge University Press, Cambridge, 16Behe, Michael J. (2004): Irreducible Complexity: Obstacle to Darwinian Evolution, in Dembski, William A.; Ruse, Michael (Hg.): Debating Design: From Darwin to DNA, Kap. 19, S. 352-370, Cambridge University Press, Cambridge]).

Komplexe spezifizierte Information - mathematische Formulierung der nichtreduzierbaren Komplexität

Komplexe spezifizierte Information. Das Konzept der „komplexen spezifizierten Information“ (complex specified information, CSI)12) wurde von William Dembski entwickelt [17Dembski, William A. (1998): The Design Inference: Eliminating Change through Small Probabilities, Cambridge University Press, Cambridge, 19Dembski, William A. (2002): No Free Lunch: Why Specified Complexity Cannot Be Purchased without Intelligence, Rowman and Littlefield, Lanham, MD].

Specified complexity, as I develop it, is a subtle notion that incorporates five main ingredients: (1) a probabilistic version of complexity applicabe to events; (2) conditionally independent patterns; (3) probabilistic resources, which come in two forms, replicational and specificational; (4) a specificational version of complexity applicable to patterns; and (5) a universal probability bound.

[18Dembski, William A. (2004): The Logical Underpinnings of Intelligent Design, in Dembski, William A.; Ruse, Michael (Hg.): Debating Design: From Darwin to DNA, Kap. 17, S. 311-330, Cambridge University Press, Cambridge], S. 316

Es erhebt den Anspruch, nicht nur das Konzept der nichtreduzierbaren Komplexität von Behe mathematisch stringent zu formulieren, sondern gleichzeitig das alte Dilemma einer biologisch relevanten Informationstheorie zu lösen:

But what exactly is information? The burden of this paper is to answer this question, presenting an account of information that is relevant to biology.

[33Dembski, William A. (2001): Intelligent Design as a Theory of Information, in Pennock, Robert T. (Hg.): Intelligent Design Creationism and its Critics, Kap. 25, S. 553-573, MIT Press, Cambridge, MA], S. 554

Erklärungsfilter. Das zentrale Element in der Argumentation Dembskis ist sein „Erklärungsfilter“ (explanatory filter), der einen logisch stringenten Weg darstellen soll, wie wir bei einem gegebenen Ereignis darauf schließen können, ob es regulär, zufällig oder geplant ist:

Whenever explaining an event, we must choose from three competing modes of explanation. These are regularities, chance, and design. To attribute an event to a regularity is to say that the event will (almost) always happen. To attribute an event to chance is to say that probabilities characterize the occurrence of the event, but are also compatible with some other event happening. To attribute an event to design is to say that it cannot reasonably be referred to either regularity or chance. Defining design as the set-theoretic complement of the disjunction regularity-or-chance guarantees that the three modes of explanation are mutually exclusive and exhaustive. It remains to show that design is significant in its own right.

[17Dembski, William A. (1998): The Design Inference: Eliminating Change through Small Probabilities, Cambridge University Press, Cambridge], S. 36

Dembski sieht also grundsätzlich drei Möglichkeiten der Erklärung eines Ereignisses: regulär (bekannten Gesetzmäßigkeiten entsprechend), zufällig oder geplant. Diese drei Möglichkeiten schlössen sich wechselseitig aus (mutually exclusive). Sein Vorgehen, um Planung bei einem Ereignis festzustellen, sieht so aus, daß er zunächst beide anderen Erklärungsmöglichkeiten (regulär, zufällig) ausschließt. Hier spielt wieder sein Konzept der „komplexen spezifizierten Information“ eine entscheidende Rolle: Diese kann nach Dembski weder durch reguläre noch durch zufällige Faktoren erklärt werden.

Probleme mit dem Konzept der komplexen spezifizierten Information

Sowohl Dembskis Konzept der „komplexen spezifierten Information“ als auch sein Erklärungsfilter sind ausgiebig in der Literatur diskutiert und kritisiert worden. Die wichtigsten Kritikpunkte sollen im Folgenden kurz wiedergegeben werden. Um die Kritikpunkte im Detail nachzuvollziehen und sich selbst ein ausgewogenes Bild zu machen, ist allerdings ein Blick in die zitierte Originalliteratur unabdingbar.

Fehlende (biologische) Relevanz. Ein häufiger Fehler bei der Berechnung von Wahrscheinlichkeiten für die Entstehung komplexer Organe über natürliche Prozesse ist, daß einfach die Einzelwahrscheinlichkeiten vieler unabhängiger Ereignisse berechnet werden:

I have no doubt that to the casual reader, a quick glance over the pages of numbers and symbols in Dembski's books is impressive, if not downright intimidating. Nonetheless, the way in which he calculates the probability of an evolutionary origin for the flagellum shows how little biology actually stands behind those numbers. His computation calculates only the probability of spontaneous, random assembly for each of the proteins of the flagellum.

[26Miller, Kenneth R. (2004): The Flagellum Unspun. The Collapse of "Irreducible Complexity", in Dembski, William A.; Ruse, Michael (Hg.): Debating Design: From Darwin to DNA, Kap. 5, S. 81-97, Cambridge University Press, Cambridge], S. 90

Diese Annahme voneinander unabhängiger Einzelereignisse entspricht aber nicht der biologischen Realität. Nicht einmal ein detailliertes Modell zur Entstehung komplexer Organe auf der Ebene einzelner Mutationen ist wirklich realitätsnah, da es die durch den Stoffwechsel in der lebenden Zelle gegebenen räumlichen und zeitlichen Aspekte außer Acht läßt.

CSI erklärt alles und deshalb nichts. Ein großes Problem des gesamten ID-Ansatzes ist die konsequente Aussageverweigerung über den intelligenten Akteur. Damit wird ID aber an entscheidenden Stellen derart schwammig und nichtnachvollziehbar, daß es alles erklären kann:

Like other historical sciences, evolutionary biology attempts to interpret the past in the light of processes that can be observed to be acting today. […] we can ask if what we see in the living world, both in the past and today, is consistent with what is expected from our models of evolution. The scientific literature on evolution is full of examples of people trying to do just that. […]

In contrast, Dembski prefers to fill up the gaps in our knowledge by invoking an agent whose acts have no observable consequences. He smugly refuses to provide any details of what the designer has in mind. His theory can explain anything, and therefore explains nothing.

[34Charlesworth, Brian (2002): Evolution by design?, Nature 418:129]

Dembski nimmt a priori an, was er beweisen will. Das Design-Argument und damit auch das Konzept der komplexen spezifizierten Information hat eine entscheidende Schwäche: Es beruht zu einem großen Teil auf persönlicher Anschauung. Die ID-Vertreter betonen immer wieder, daß „Design“ offensichtlich sei. Sie geben allerdings keine objektive, einer empirischen Überprüfung standhaltende Regel an, wie man „Design“ feststellen kann.

According to Dembski, the detection of „design“ requires that an object display complexity that could not be produced by what he calls „natural causes.“ In order to do that, one must first examine all of the possibilities by which an object, such as the flagellum, might have been generated naturally. Dembski and Behe, of course, come to the conclusion that there are no such natural causes. But how did they determine that? What is the scientific method used to support such a conclusion?

[26Miller, Kenneth R. (2004): The Flagellum Unspun. The Collapse of "Irreducible Complexity", in Dembski, William A.; Ruse, Michael (Hg.): Debating Design: From Darwin to DNA, Kap. 5, S. 81-97, Cambridge University Press, Cambridge], S. 90

Mehr noch: Erst nach der Feststellung, daß es keine ernsthafte Hypothese gebe, wie die untersuchte Struktur durch „zufällige“ Mechanismen entstanden sein könne, werden die von Dembski entwickelten Berechnungen angewendet:

What Demski is telling us is that in order to „detect“ design in a biological object, one must first come to the conclusion that the object could not have been produced by any „relevant chance hypotheses“ (meaning, naturally, evolution). Then, and only then, are Dembski's calculations brought into play. Stated more bluntly, what this really means is that the „method“ first involves assuming the absence of an evolutionary pathway leading to the object, followed by a calculation „proving“ the impossibility of spontaneous assembly. Incredibly, this a priori reasoning is exactly the sort of logic upon which the new „science of design“ has been constructed.

[26Miller, Kenneth R. (2004): The Flagellum Unspun. The Collapse of "Irreducible Complexity", in Dembski, William A.; Ruse, Michael (Hg.): Debating Design: From Darwin to DNA, Kap. 5, S. 81-97, Cambridge University Press, Cambridge], S. 91

Sicherlich ist es legitim, als Null-Hypothese Geplantheit für eine komplexe Struktur anzunehmen. Doch ein verläßliches Modell muß auch mit der gegenteiligen zugrundegelegten Hypothese ein eindeutiges (und vor allem dasselbe) Ergebnis liefern.

Der Erklärungs-Filter ist nicht umsetzbar. Ein weiteres grundlegendes Problem mit dieser a priori-Annahme und dem verläßlichen Feststellen von Planung ist, daß der von Dembski entwickelte Erklärungsfilter vielleicht ein theoretisch interessantes, praktisch aber nicht umsetzbares Konzept ist:

It is important to recognize that the Explanatory Filter is enormously ambitious. You do not just reject a given Regularity hypothesis; you reject all possible Regularity explanations ([17Dembski, William A. (1998): The Design Inference: Eliminating Change through Small Probabilities, Cambridge University Press, Cambridge], 53). And the same goes for Chance—you reject the whole category; the Filter „sweeps the field clear“ of all specific Chance hypotheses ([17Dembski, William A. (1998): The Design Inference: Eliminating Change through Small Probabilities, Cambridge University Press, Cambridge], 41,52-53). We doubt that there is any general inferential procedure that can do what Dembski thinks the Filter accomplishes.

[35Fitelson, Branden; Stephens, Christopher; Sober, Elliot (2001): How Not to Detect Design—Critical Notice: William A. Dembski, The Design Inference, in Pennock, Robert T. (Hg.): Intelligent Design Creationism and its Critics, Kap. 27, S. 597-615, MIT Press, Cambridge, MA], S. 603

Es ist praktisch quasi unmöglich, alle möglichen Erklärungen eines Typs für die Entstehung der betrachteten Struktur rein formal auszuschließen. Das ist aber genau das, was Dembski mit seinem Filter erreichen will.

Dembskis Konzepte sind voll von Fehlern. Ein letzter und vernichtender Kritikpunkt ist die Fehlerhaftigkeit der Konzepte Dembskis:

There is so much wrong with Dembski's argument that it is quite difficult to discuss without giving constant and distracting criticisms of relatively minor points.

[36Godfrey-Smith, Peter (2001): Information and the Argument from Design, in Pennock, Robert T. (Hg.): Intelligent Design Creationism and its Critics, Kap. 26, S. 575-596, MIT Press, Cambridge, MA], S. 575

Wenn auch nur ein Teil dessen wahr ist, dann reicht das schon, um jegliches Vertrauen in die Relevanz dieser Konzepte zu untergraben. Ein offensichtlich inkonsistentes System hat keine Zukunft in der Naturwissenschaft.

The bottom line is that Dembski's specified complexity or complex specified information is an incoherent concept. It is unworkable, is not well-defined and does not have the properties he claims for it. Even Dembski himself, in attempting to calculate the specified complexity of various events, uses an inconsistent methodology. Most important, specified complexity does not provide a way to distinguish designed objects from undesigned objects.

[37Shallit, Jeffrey; Elsberry, Wesley (2004): Playing Games with Probability: Dembski's Complex Specified Information, in Young, Matt; Edis, Taner (Hg.): Why Intelligent Design Fails : A Scientific Critique of the New Creationism, Kap. 9, S. 121-138, Rutgers University Press, New Brunswick], S. 138

Komplex spezifizierte Information stellt keinen Weg zur Verfügung, zwischen geplanten und ungeplanten Objekten zu unterscheiden – genau das aber ist das Ziel dieses Konzeptes.

Ein weiterer Kritikpunkt, der geäußert wurde, ist, daß Dembski die sogenannten „No free lunch“-Theoreme, auf die er sich in seinem Buch „No free lunch“ [19Dembski, William A. (2002): No Free Lunch: Why Specified Complexity Cannot Be Purchased without Intelligence, Rowman and Littlefield, Lanham, MD] stützt, falsch verstanden hat [38Perakh, Mark (2004): There Is a Free Lunch after All: William Dembski's Wrong Answers to Irrelevant Questions, in Young, Matt; Edis, Taner (Hg.): Why Intelligent Design Fails : A Scientific Critique of the New Creationism, Kap. 11, S. 153-171, Rutgers University Press, New Brunswick].

Das anthropische Prinzip

Das anthropische Prinzip besagt (kurz gefasst), daß das von uns beobachtete Universum für die Entwicklung intelligenten Lebens geeignet sein muß, da wir andernfalls nicht hier wären und es folglich weder beobachten noch physikalisch beschreiben könnten. Eine populäre Formulierung des Prinzips stammt von Barrow und Tipler [39Barrow, John D.; Tipler, Frank J. (1986): The Anthropic Cosmological Principle, Oxford University Press, Oxford].

In gewisser Hinsicht ist das anthropische Prinzip eine Variante des Design-Arguments, da es die Unwahrscheinlichkeit der exakten Abstimmung zahlreicher Naturkonstanten aufeinander betont, die notwendig ist, um Leben in der uns bekannten Form zu ermöglichen.

Grundsätzlich gibt es zwei Interpretationsmöglichkeiten für das anthropische Prinzip: nichtteleologisch und teleologisch. Während die nichtteleologische (nicht-zielgerichtete) Erklärung meist entweder viele (parallel) existierende Universen (Multiversen-Hypothese) oder ein unendlich großes Universum voraussetzt, ist die teleologische (zielgerichtete) Interpretation von der ID-Bewegung wieder aufgegriffen worden (z.B. [40Ross, Hugh (1998): Big Bang Model Refined by Fire, in Dembski, William A. (Hg.): Mere Creation : Science, Faith & Intelligent Design, Kap. 15, S. 363-384, InterVarsity Press, Downers Grove, IL]). Sie sieht in der exakten Abstimmung der unterschiedlichen grundlegenden Naturkonstanten auf ein Universum wie das unsere, das Leben in der uns bekannten Form ermöglicht, die Handschrift eines intelligenten Urhebers.

Gegen diese Interpretation ist verschiedentlich Kritik erhoben worden (u.a. [41Sober, Elliot (2005): The Design Argument, in Mann, William Edward (Hg.): The Blackwell Guide to the Philosophy of Religion, Kap. 6, S. 117-147, Blackwell Publishers, Oxford, 42Stenger, Victor J. (2004): Is the Universe Fine-Tuned for Us?, in Young, Matt; Edis, Taner (Hg.): Why Intelligent Design Fails : A Scientific Critique of the New Creationism, Kap. 12, S. 172-184, Rutgers University Press, New Brunswick]), vor allem mit dem Verweis auf die Unwissenschaftlichkeit der teleologischen Interpretation. Inwieweit die Multiversum-Hypothese mit Ockhams Rasiermesser13) vereinbar ist, ist in der aktuellen Debatte umstritten. Auch hier sei der interessierte Leser auf weiterführende Literatur verwiesen.

Lücken in der Evolutionstheorie

Insbesondere in Johnsons „Darwin on Trial“ [2Johnson, Phillip E. (1993 [1991]): Darwin on trial, InterVarsity Press, Downers Grove] begegnet uns ein Klassiker der Evolutionskritik: der Verweis auf Schwächen und Lücken im gegenwärtigen Evolutionsmodell. Während es für den normalen Diskurs innerhalb der Wissenschaften völlig normal ist, auf die Lücken und Schwächen einer Theorie oder – wie in diesem Fall – einem Paradigma hinzuweisen, hat dieses Vorgehen als Argument gegen Evolution oder für ID grundsätzliche Schwächen, auf die auch von Seiten der ID-Kritiker hingewiesen wird.

Zum einen ist das das schon im Zusammenhang mit Behes „nichtreduzierbarer Komplexität“ erwähnte argumentum ad ignorantiam: Der Verweis auf die Lücken im Evolutionsmodell wird als (vermeintlich positives) Argument für das eigene Modell (hier ID) verwendet. Das ist ein bekannter logischer Fehlschluß.

Zum anderen ist der Verweis auf die Lücken im kritisierten System nahe mit dem „Lückenbüßer-Gott“ verwandt: Nur solange die Wissenschaftler keine Erklärung für die aufgezeigten Schwächen in ihrem System (hier: innerhalb des Evolutionsparadigmas) geben können, läßt sich der Verweis auf die Lücke als „Argument“ aufrechterhalten. Allerdings ist die Wissenschaft von ihrer Methodik her darauf ausgerichtet, innerhalb bestehender Paradigmen Erklärungen für bisher nicht erklärte Phänomene zu entwickeln. Und sie ist, wie die Wissenschaftsgeschichte zeigt, darin sehr erfolgreich.

Ziele der ID-Bewegung

Wie schon in der Einführung angeklungen ist ID sowohl ein wissenschaftliches Forschungsprogramm als auch eine Bewegung mit klar politischen Zielen. Sicherlich ist es oft schwer, im konkreten Fall beide Aspekte sauber zu trennen, zumal dieselben Personen in beide Bereiche involviert sind.

ID als naturwissenschaftliches Forschungsprogramm

Im Zentrum des naturwissenschaftlichen Forschungsprogramms steht das Erkennen von Planung (Design) aufgrund der empirischen Daten14). Hier greifen die Konzepte der nichtreduzierbaren Komplexität [14Behe, Michael J. (1998 [1996]): Darwin's black box: the biochemical challenge to evolution, Simon & Schuster, New York] und der komplexen spezifizierten Information [17Dembski, William A. (1998): The Design Inference: Eliminating Change through Small Probabilities, Cambridge University Press, Cambridge] und der dazugehörige Erklärungsfilter [17Dembski, William A. (1998): The Design Inference: Eliminating Change through Small Probabilities, Cambridge University Press, Cambridge].

Häufig wird in diesem Zusammenhang betont, daß die einseitige Festlegung auf das darwinistische Paradigma manche (durchaus fruchtbaren) Fragestellungen a priori ausschließe, die im Rahmen eines ID-Ansatzes gestellt werden und so weitergehende Forschung motivieren können. Als Beispiele werden rudimentäre Organe und Atavismen15) [43Junker, Reinhard (1989): Rudimentäre Organe und Atavismen: Konstruktionsfehler des Lebens?, ZEIT JOURNAL Verlag, Berlin] und in jüngerer Zeit auch mögliche Funktionen der sogenannten „junk DNA“16) genannt.

Inwieweit es dem ID-Ansatz gelingt, ein fruchtbares alternatives Forschungsprogramm aufzustellen17) und originäre Fragestellungen erfolgreich zu bearbeiten, die nicht auch innerhalb des in den Biowissenschaften vorherrschenden darwinistischen Paradigmas hätten bearbeitet werden können, ist Gegenstand der Debatte und wird je nach Standpunkt unterschiedlich beantwortet. Diese Antwort hängt wesentlich davon ab, wie man die zentralen Konzepte von Behe und Dembski beurteilt und inwieweit man ihnen eine Naturwissenschaftlichkeit zugesteht oder nicht. Eine mögliche, wenn auch mit Sicherheit subjektive, Antwort darauf gibt der Artikel "Intelligent Design: keine ernstzunehmende wissenschaftliche Alternative zum Evolutionsmodell".

ID als politisches Programm

In den USA spielt der christliche Glaube in der öffentlichen Wahrnehmung eine völlig andere und viel stärkere Rolle, als wir das in Europa aus eigener Anschauung kennen. Mit Insitutionen wie dem „Discovery Institute“18) und dem „Access Research Network“19) stehen durchaus finanzstarke Organisationen mit christlichem Hintergrund hinter der ID-Bewegung.

Den Vorreitern des ID fehlt es nicht an Selbstbewußtsein, was die Bedeutung ihrer eigenen „Entdeckungen“ bzw. Konzepte angeht. So reiht Behe seine Betonung der Geplantheit der Organismen ein in die großen Entdeckungen der Wissenschaft, angefangen bei Newton über Einstein bis Schrödinger20). Dembski seinerseits erhebt den Anspruch, das alte Dilemma einer auch biologisch relevanten (und damit semantischen und nicht nur syntaktischen) Informationstheorie zu lösen21).

Mit demselben Selbstbewußtsein und teils martialisch klingenden Formulierungen beschreiben die Vertreter des ID-Ansatzes dessen Ziele:

Discovery Institute's Center… seeks nothing less than the overthrow of materialism and its cultural legacies.

[44]

Ähnlich äußert sich Dembski in der Einführung zu einem von ihm herausgegebenen Sammelband:

Mere creation is a four-pronged approach to defeating naturalism. The prongs are as follows:

(1) A scientific and philosophical critique of naturalism, where the scientific critique identifies the empirical inadequacies of naturalistic evolutionary theories and the philosophical critique demonstrates how naturalism subverts every area of inquiry that it touches;

(2) A positive scientific research program, known as intelligent design, for investigating the effects of intelligent causes;

(3) A cultural movement for systematically rethinking every field of inquiry that has been infected by naturalism, reconceptualizing it in terms of design; and

(4) A sustained theological investigation that connects the intelligence inferred by intelligent design with the God of Scripture and therewith formulates a coherent theology of nature.

[45Dembski, William A. (Hg.) (1998): Mere Creation : Science, Faith & Intelligent Design, InterVarsity Press, Downers Grove, IL], S. 28f.

Es geht um nicht weniger als eine Neudefinition von Naturwissenschaft und das erklärte Ende des Monopols des Materialismus/Naturalismus [3Johnson, Phillip E. (1999): The Wedge. Breaking the Modernist Monopoly on Science, Touchstone 12:18]. Daß sich als Reaktion darauf Kritik und Widerspruch von Seiten der etablierten Wissenschaft regte, ist nicht verwunderlich. Deshalb der ID-Bewegung gleich eine groß angelegte Verschwörung zu unterstellen [46Forrest, Barbara (2001): The Wedge at work: How intelligent design creationism is wedging its way into the cultural and academic mainstream, in Pennock, Robert T. (Hg.): Intelligent Design Creationism and its Critics, Kap. 1, S. 5-53, MIT Press, Cambridge, MA], ist allerdings auch vielleicht etwas zu weit gegriffen.

Als politisches Programm ist ID in Deutschland quasi nicht existent.22)

Vertreter des ID-Ansatzes

Ein wesentliches Kennzeichen der US-amerikanischen ID-Bewegung, das auch von seinen Kritikern wahrgenommen wird, ist die durchgängige akademische Ausbildung seiner Vertreter. Quasi jeder hat einen akademischen Titel, die meisten arbeiten an verschiedenen Universitäten in den USA.

Im deutschsprachigen Raum stellt sich die Situation etwas anders dar. Aufgrund der geringen Zahl der Vertreter kann man hier aber nur schwer überhaupt von einer „Bewegung“ reden, auch wenn das die ID-Gegner oft und gerne tun und eine Bedrohung für die Wissenschaftsgemeinde und die Freiheit der Forschung heraufbeschwören. Allerdings hat nur die Minderheit derjenigen, die als ID-Vertreter in Erscheinung treten, einen akademischen Hintergrund.

Wichtige ID-Vertreter in den USA

Die folgende Liste von Vertretern der ID-Bewegung in den USA erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sie will nur die wichtigsten Protagonisten beim Namen nennen und kurz zusammen mit ihren bekannten Büchern vorstellen.

Phillip E. Johnson war bis zu seiner Emeritierung Professor für Recht an der Berkeley-Universität in Kalifornien. Er war die treibende Kraft und der programmatische Kopf der ID-Bewegung in den ersten etwa zehn Jahren. Sein Buch „Darwin on Trial“ [2Johnson, Phillip E. (1993 [1991]): Darwin on trial, InterVarsity Press, Downers Grove] wird von vielen als Beginn der ID-Bewegung gesehen und hat mit Sicherheit die grundlegenden Konzepte einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht. Weitere Bücher schlossen sich an [47Johnson, Phillip E. (1995): Reason in the Balance : The Case Against Naturalism in Science, Law & Education, InterVarsity Press, Downers Grove, IL, 48Johnson, Phillip E. (1997): Defeating Darwinism by Opening Minds, InterVarsity Press, Downers Grove, IL].

Michael J. Behe ist Biochemiker und außerordentlicher Professor für bilogische Wissenschaften an der Lehigh Universität. Sein Buch „Darwin's Black Box“ [14Behe, Michael J. (1998 [1996]): Darwin's black box: the biochemical challenge to evolution, Simon & Schuster, New York] führte das für ID zentrale Konzept der „nichtreduzierbaren Komplexität“ ein und argumentiert auf der Basis der Biochemie und Molekularbiologie für die Notwendigkeit eines intelligenten Urhebers zahlreicher biologischer Systeme.

William A. Dembski ist Mathematiker, Philosoph und Theologe und hat eine Position als Professor für Theologie und Wissenschaft am Southern Baptist Theological Seminary in Louisville, Kentucky inne. Er löste in den letzten Jahren zunehmend Phillip E. Johnson als programmatischer Kopf der ID-Bewegung ab. Seine beiden wesentlichen Beiträge sind das Konzept der „komplex spezifizierten Information“ und der „Erklärungsfilter“, die er in zwei Büchern [17Dembski, William A. (1998): The Design Inference: Eliminating Change through Small Probabilities, Cambridge University Press, Cambridge, 19Dembski, William A. (2002): No Free Lunch: Why Specified Complexity Cannot Be Purchased without Intelligence, Rowman and Littlefield, Lanham, MD] und zahlreichen Artikeln dargelegt hat.

Stephen C. Meyer ist Historiker und Wissenschaftsphilosoph. Ihm kommt als Direktor des „Center for Science and Culture“ des „Discovery Institute“ in Seattle eine Schlüsselposition in der Koordination der ID-Bewegung zu.

Weitere Vertreter sind Jonathan Wells, Theologe und Biologe, Mitglied der Vereinigungskirche (Mun-Sekte), bekannt geworden hauptsächlich durch sein Buch „Icons of Evolution“, in dem er die bekanntesten Beispiele für Evolution aus den Lehrbüchern untersucht und hinterfragt [49Wells, Jonathan (2000): Icons of Evolution: Science or Myth? Why Much of What We Teach about Evolution is Wrong, Regnery Publishing, Washington, DC] und Michael Denton, Molekularbiologe, bekannt geworden durch ein evolutionskritisches Buch [50Denton, Michael (1986): Evolution: A Theory in Crisis, Adler and Adler, Chevy Chase, MD], das zuweilen als Vorläufer und Wegbereiter der ID-Bewegung gesehen wird. Der Vollständigkeit halber namentlich erwähnt seien noch Paul A. Nelson, Walter L. Bradley, Alvin Plantinga, David Berlinksi, Del Ratzsch, John Mark Reynolds und Hugh Ross.

ID in Deutschland

Die „ID-Szene“ in Deutschland ist bedeutend kleiner als in den USA. Strenggenommen gibt es überhaupt keine eigenständige ID-Bewegung im deutschsprachigen Raum, die mit dem vergleichbar wäre, was in den USA mit dem Discovery Institute und anderen Instituten und Organisationen existiert.

Im wesentlichen gibt es nur die „Studiengemeinschaft Wort und Wissen“, ein Zusammenschluß von Christen aus vorwiegend wissenschaftlichen Berufen. Sie ist nicht originär mit der ID-Bewegung zu identifizieren, da sie eine biblische Schöpfungslehre vertritt und erst spät mit auf den ID-Zug aufgesprungen ist, allerdings nach wie vor unabhängig davon weiterarbeitet. Sie versucht, durch die Herausgabe wissenschaftlicher Monographien zu einzelnen Themen (u.a. [43Junker, Reinhard (1989): Rudimentäre Organe und Atavismen: Konstruktionsfehler des Lebens?, ZEIT JOURNAL Verlag, Berlin, 51Scherer, Siegfried (Hg.) (1993): Typen des Lebens, Pascal Verlag, Berlin]) und einer eigenen ebenfalls vergleichsweise anspruchsvollen Zeitschrift wissenschaftlich fundierte Beiträge zur gesamten Ursprungsfrage zu leisten. Darüber erarbeitet und entwickelt sie Materialien für den Unterricht. Größere Bekanntheit erreichte das als Schulbuch konzipierte Werk „Evolution. Ein kritisches Lehrbuch“ [52Junker, Reinhard; Scherer, Siegfried (1998): Evolution. Ein kritisches Lehrbuch, Weyel, Gießen].

Der einzige dem Autor bekannte Naturwissenschaftler, der ID vertritt, ist Wolf-Ekkehard Lönnig, Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung in Köln, als Einzelperson. Auch er hat sich erst aus seiner evolutionskritischen Beschäftigung heraus mit dem ID-Ansatz identifiziert.

Zwei weitere Einzelpersonen im deutschsprachigen Raum mit Internetseiten speziell zum Thema ID sind Frieder Meis und Markus Rammerstorfer. Beide sind keine Biologen und zumindest Frieder Meis auch kein Naturwissenschaftler, sondern Informatiker. Insofern wird ihre Kritik bei aller Würdigung ihrer Arbeit immer hinter einer echten wissenschaftlichen Auseinandersetzung zurückbleiben.

Der Filmemacher Fritz Poppenberg spielt in der deutschen ID-Szene durch seine kritische filmische Auseinandersetzung mit dem Darwinismus und seiner zunehmenden Hinwendung zu ID eine eigene, wenn auch schwer faßbare, Rolle [53, 54, 55].

Ein Grund für die im Vergleich zu den USA sehr kleine ID-Szene in Deutschland ist mit Sicherheit, daß die beiden gesellschaftlich in Deutschland dominierenden Volkskirchen die Auseinandersetzung zwischen Glaube und Wissenschaft schon lange nicht mehr thematisieren und in der aktuellen Diskussion klar Position gegen ID und jede Form von Kreationismus beziehen. Christliche Gruppen, die mehr oder weniger wörtlich an der biblischen Urgeschichte als einem historischen Bericht festhalten, stellen eine verschwindende Minderheit dar. In ihre Reihen muß die Studiengemeinschaft Wort und Wissen gezählt werden.

Fazit

Die ID-Bewegung hat nicht nur ihre Wurzeln in den USA. Sie ist nach wie vor hauptsächlich im US-amerikanischen Raum verbreitet. Deshalb findet der größte Teil der Auseinandersetzung auch im angelsächsischen Sprachraum statt. Auch wenn die Ziele der ID-Bewegung aufgrund der Pluralität der Ansichten ihrer Vertreter zuweilen schwer zu fassen sind, lassen sich doch zwei Hauptaspekte nennen: Zum einen soll ID als wissenschaftliches Forschungskonzept alternativ zu einem darwinistisch geprägten Forschungsprogramm entwickelt werden, zum anderen geht es um politische und gesellschaftliche Einflußnahme.

Wie anhand der Ausführungen zu den von Seiten der ID-Vertreter vorgebrachten Argumente und ihrer kritischen Entgegnung deutlich geworden ist, existiert durchaus eine Auseinandersetzung mit den Konzepten auf hohem Niveau, auch wenn sie fast durchweg von Seiten der etablierten Wissenschaft abgelehnt werden. Warum das so ist und warum ID sich nicht als naturwissenschaftliche Alternative zu einem (neo)darwinistischen Evolutionskonzept etablieren kann, darauf wird im Artikel "Intelligent Design: keine ernstzunehmende wissenschaftliche Alternative zum Evolutionsmodell" eingegangen.

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1) Gemeint ist damit der in der Wissenschaft übliche Prozeß des „Peer-Reviewing“: Bevor ein Artikel (oder ein Buch, zumindest bei einigen Verlagen) veröffentlicht wird, wird er an externe Gutachter – meist Experten auf dem jeweiligen Fachgebiet – verschickt, die dann eine Stellungnahme dazu abgeben. So soll eine möglichst hohe Qualität garantiert werden.
2) „Is the universe fine-tuned for us?“
3) Zumindest in Mathematik, Informatik und Medizin ist der methodische Naturalismus ebenfalls grundlegend, obwohl diese drei Disziplinen häufig nicht zu den Naturwissenschaften gezählt werden.
4) „erstmals“ bezogen auf die Debatte um die Ursprungsfrage in den USA und ihre Thematisierung im Schulunterricht
5) Zweilen wird das Design-Argument auch als „teleologisches Argument“ für die Existenz Gottes bezeichnet.
6) Darwin selbst bezeichnete sein Werk als „ein langes Argument“. Was man nicht vergessen darf, ist, daß Darwin ein guter und akribischer Beobachter war. Seine Versuche zum Phototropismus von Pflanzen gemeinsam mit seinem Sohn sind Beispiel für seine hochwertige wissenschaftliche Arbeit. Einen großen Teil der Überzeugungskraft gewinnt sein Buch aus seiner Schilderung seiner Beobachtungen während der Reise mit der Beagle und seinen aufgrund dieser Beobachtungen gezogenen Schlüsse, die er mit Erkenntnissen der Züchter seiner Zeit untermauert.
7) Im englischen Original irreducible complexity, im deutschen Sprachraum zuweilen unglücklich auch als „irreduzible Komplexität“ übersetzt.
8) Möglichkeiten sind zum einen die Einschränkung auf (natur)wissenschaftlich faßbare und damit behandelbare Fragestellungen, zum anderen die bei der Vielfalt der Ansichten der ID-Vertreter notwendige weiche Formulierung bezüglich des Verständnisses der (biblischen) Urgeschichte.
9) Insofern wäre die Pferdekutsche ein physikalischer Vorläufer des Autos, da Daimler und Benz eine Kutsche nahmen und mit einem Verbrennungsmotor ausrüsteten. Das Ergebnis wird gemeinhin als Beginn des Automobils betrachtet.
10) „Argument, das an das Nichtwissen appelliert“, ein logischer Fehlschluss, bei dem eine These für falsch erklärt wird, allein weil sie bisher nicht bewiesen werden konnte, bzw. eine These für richtig erklärt wird, allein weil sie bisher nicht widerlegt werden konnte. Der Fehlschluss wird ohne Sachargumente gezogen. Der so Argumentierende sieht seine mangelnde Vorstellungskraft oder sein Unwissen als hinreichend für die Widerlegung bzw. Bestätigung einer These an, vgl. [27Walton, Douglas (1999): The Appeal to Ignorance, or Argumentum Ad Ignorantiam, Argumentation 13:367-377]
11) „any precursor to an irreducibly complex system that is missing a part is by definition nonfunctional.“ ([14Behe, Michael J. (1998 [1996]): Darwin's black box: the biochemical challenge to evolution, Simon & Schuster, New York], S. 39
12) auch: „spezifizierte Komplexität“ (specified complexity); beide Begriffe werden von Dembski austauschbar verwendet.
13) Sparsamkeitsprinzip in der Wissenschaft: Von mehreren Theorien, die den gleichen Sachverhalt erklären, ist die einfachste zu bevorzugen. Engl. Occam's Razor, lateinisch novacula Occami, traditionell deutsch Ockhams Skalpell
14) Zuweilen auch als „Signalerkennungstheorie“ bezeichnet [29Junker, Reinhard: Intelligent Design, http://www.genesisnet.info/pdfs/Intelligent_Design.pdf]
15) Atavismen sind nur gelegentlich bei einzelnen Individuen einer Art ausgebildete Strukturen, die an angenommene frühere stammesgeschichtliche Stadien erinnern sollen. Atavismen sind fast ausschließlich Mißbildungen. Bekannte atavistisch gedeutete Mißbildungen beim Menschen sind Halsfisteln, ein ungewöhnlich stark ausgeprägtes Haarkleid, „Schwänzchen“ und überzählige Brustwarzen. ([43Junker, Reinhard (1989): Rudimentäre Organe und Atavismen: Konstruktionsfehler des Lebens?, ZEIT JOURNAL Verlag, Berlin], S. 63)
16) Bei „junk DNA“ handelt es sich um große Bereiche der DNA in höheren Organismen, die offensichtlich keine Gene codieren (nichtcodierende Abschnitte). Ihre Funktion ist auch gegenwärtig noch nicht abschließend geklärt, auch wenn sich Anzeichen darauf verdichten, daß sie Funktionen erfüllt.
17) Ein Beispiel für den Versuch, explizit ein solches Forschungsprogramm zu formulieren, ist [32Dembski, William A. (2002): Becoming a Disciplined Science: Prospects, Pitfalls, and Reality Check for ID, in: RAPID Conference (Research and Progress in Intelligent Design)]
20) „The result is so unambiguous and so significant that it must be ranked as one of the greatest achievements in the history of science. The discovery rivals those of Newton and Einstein, Lavoisier and Schrödinger, Pasteur, and Darwin. The observation of the intelligent design of life is as momentous as the observation that the earth goes around the sun or that disease is caused by bacteria or that radiation is emitted in quanta.“ [14Behe, Michael J. (1998 [1996]): Darwin's black box: the biochemical challenge to evolution, Simon & Schuster, New York], S. 232
21) „But what exactly is information? The burden of this paper is to answer this question, presenting an account of information that is relevant to biology.“ [33Dembski, William A. (2001): Intelligent Design as a Theory of Information, in Pennock, Robert T. (Hg.): Intelligent Design Creationism and its Critics, Kap. 25, S. 553-573, MIT Press, Cambridge, MA], S. 554
22) Das dürfte auch mit an der, gemessen an der Gesamtgesellschaft, relativen Bedeutungslosigkeit und sehr geringen Zahl potentieller ID-Vertreter liegen. Letztlich spielt ID in Deutschland fast nur in bestimmten evangelikalen Kreisen eine Rolle.
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