Intelligent Design: jüngstes Kind einer alten Debatte

Die Intelligent Design-Bewegung (ID-Bewegung) ist ein typisches Kind der US-amerikanischen gesellschaftlichen Umstände und nur als solches verstehbar. Einerseits spielt der christliche Glaube (meist protestantischer Ausprägung) in den USA eine wesentlich größere Rolle im täglichen Leben, als das in Mitteleuropa der Fall ist. Andererseits herrscht eine durch die Verfassung garantierte strikte Trennung zwischen Staat und Religion, so daß es an US-amerikanischen Schulen keinen Religionsunterricht gibt. Daher muß die gesamte Debatte um die Ursprungsfrage notwendigerweise in den Biologieunterricht verlegt werden, soll sie überhaupt an der Schule thematisiert werden. Vor diesem Hintergrund erscheint ID als vorerst letzter Akt in einer langen Reihe von Gerichtsprozessen um den Lehrplan im naturwissenschaftlichen Unterricht an den Schulen. Der wesentliche Unterschied von ID gegenüber seinen Vorgängern (Kreationismus, Schöpfungswissenschaft) besteht im betont wissenschaftlichen Anspruch des Konzepts und den durchgängig akademischen Titeln seiner Hauptprotagonisten.

Einführung

Mancher wird verwundert sein über die Heftigkeit, mit der die Debatte um Intelligent Design in der Öffentlichkeit – nun auch in Deutschland – geführt wird. Gerade in der angelsächsischen Diskussion wird der ID-Bewegung dabei der Vorwurf gemacht, es handele ich um einen „getarnten Kreationismus“ (stealth creationism) ([1Forrest, Barbara (2001): The Wedge at work: How intelligent design creationism is wedging its way into the cultural and academic mainstream, in Pennock, Robert T. (Hg.): Intelligent Design Creationism and its Critics, Kap. 1, S. 5-53, MIT Press, Cambridge, MA, 2Coyne, Jerry A. (2001): Creationism by stealth, Nature 410:745-6]). Dem entgegnen Verfechter des ID-Ansatzes, daß Kritik an der vorherrschenden Synthetischen Evolutionstheorie schon vor dem Beginn der ID-Bewegung aufkam (u.a. [3Denton, Michael (1986): Evolution: A Theory in Crisis, Adler and Adler, Chevy Chase, MD]) und von tatsächlich existierenden Problemen dieses Konzeptes herrühre, bestimmte Aspekte zu erklären. Insbesondere sei Intelligent Design klar verschieden von den verschiedenen Ausprägungen des „klassischen“ Kreationismus. Darüber hinaus würde die ID-Bewegung keineswegs ihre wahren Ziele verheimlichen ([4Menuge, Angus (2004): Who's Afraid of ID?, in Dembski, William A.; Ruse, Michael (Hg.): Debating Design: From Darwin to DNA, Kap. 3, S. 32-51, Cambridge University Press, Cambridge], S. 33f.).

Letztlich hängt die Antwort auf die Frage, inwieweit ID letztlich nur Kreationismus in einem neuen Gewand sei, nicht zuletzt von der persönlichen Einschätzung der verschiedenen Aspekte ab. Doch um überhaupt eine fundierte Antwort auf diese Frage geben zu können, ist es bedeutsam, die Vorgeschichte der ID-Bewegung einerseits und die Entstehung der ID-Bewegung andererseits genauer zu betrachten.

Evolution in der US-amerikanischen Öffentlichkeit

In den USA spielt traditionell der (christliche) Glaube in der Öffentlichkeit eine wesentlich größere Rolle als in Mitteleuropa. Das war auch schon vor der Wahl George W. Bushs (Jr.) zum US-Präsidenten so, auch wenn seine Bezugnahme auf den Glauben auffällig häufig ist und nicht selten zu Irritationen auch in der westlichen Welt führt. Dazu kommt, daß die christliche Prägung der USA im Gegensatz zu Ländern wie Irland, Spanien, Frankreich oder Polen mit einer stark katholischen Prägung überwiegend aus dem Protestantismus kommt. Umfragen unter der US-amerikanischen Bevölkerung ergeben konstant, daß etwa die Hälfte der Bürger dem Evolutionsgedanken kritisch bis offen ablehnend gegenübersteht.

Neben dieser Bereitschaft in der US-amerikanischen Öffentlichkeit, die Stellung und Bedeutung des Evolutionsgedankens zu hinterfragen, kommt noch ein weiterer für das Verständnis der Debatte wichtiger Aspekt hinzu: In den USA gibt es aufgrund des ersten Zusatzes zur Verfassung an staatlichen Schulen keinen Religionsunterricht. Das hat zur Konsequenz, daß jegliche Diskussion über die Ursprungsfrage im naturwissenschaftlichen Unterricht geführt werden muß1).

Zu diesem Thema – die Ursprungsfrage im (naturwissenschaftlichen) Schulunterricht – wurden in den vergangenen knapp einhundert Jahren in den USA eine Reihe mehr oder weniger bekannter Gerichtsprozesse geführt. Die Entstehung der ID-Bewegung in den USA kann mit einiger Berechtigung als der (vorerst letzte) Akt in dieser Reihe von gerichtlichen Auseinandersetzungen um die Ursprungsfrage im Schulunterricht betrachtet werden.

Das Verbot, Evolution an Schulen zu lehren

Der wohl legendärste (und erste) in einer ganzen Reihe von Gerichtsprozessen ist der sogenannte „Affen-Prozeß“ (engl. „Scopes Monkey Trial“)2) aus dem Jahr 1925, der mit der Bestätigung des Verbots endete, die Evolutionslehre in Schulen im Bundesstaat Tenessee zu lehren. Ähnliche Gesetze, die die Evolutionslehre aus den Schulen verbannten, wurden daraufhin auch in anderen US-Bundesstaaten, u.a. Arkansas, erlassen. Im Prozeß „Epperson v. Arkansas“3) vor dem Obersten Gerichtshof der USA (United States Supreme Court) aus dem Jahr 1968 wurde dann festgestellt, daß dieses Gesetz gegen den ersten Zusatz zur US-amerikanischen Verfassung4), die Trennung zwischen Religion und Staat betreffend, verstößt.

Für Europäer schwer verständlich, war diesem Prozeß eine Zeit vorausgegangen, in der in den US-amerikanischen Schulen der naturwissenschaftliche Unterricht eher ein Schattendasein fristete und im Biologie-Unterricht die Erwähnung des Begriffes Evolution und des Namens Charles Darwin meist vermieden wurde. Was bewirkte die plötzliche Abkehr und als eine (logische) Konsequenz der Prozeß von 1968? Es hat viel mit dem sogenannten „Sputnik-Schock“ zu tun: Die UdSSR feierten in den fünfziger Jahren einen technologischen Erfolg nach dem anderen. Mit Sputnik schossen sie den ersten Satelliten ins All, weitere derartige Erfolge folgten. In diese Zeit fällt Kennedys ehrgeizige Zielstellung, die USA innerhalb weniger Jahre als erste Nation auf den Mond zu bringen. Aber für derartige Anstrengungen wurde eine grundlegende Neubeurteilung des naturwissenschaftlichen Unterrichts, einhergehend mit einer grundlegenden Überarbeitung der Lehrbücher, als unausweichlich angesehen.

In diese Zeit fällt auch der durch seinen Titel berühmtgewordene programmatische Artikel „Nothing in Biology makes sense exept in the light of evolution“ von Theodosius Dobzhansky ([5Dobzhansky, Theodosius (1973): Nothing in biology makes sense except in the light of evolution, Am. Biol. Teach. 35:125-129]).

Kreationismus und Evolutionslehre

Ein ebenfalls wichtiges Urteil, unter anderem deshalb, weil es im angesehenen Wissenschaftsjournal Science publiziert wurde5) ([6Overton, William R. (1982): Creationism in Schools: The Decision in McLean Versus the Arkansas Board of Education, Science 215:934-942]) ist der Prozeß McLean v. Arkansas („Little Rock Trial“). Hier ging es um ein Gesetz des Bundesstaates Arkansas, das eine gleichwertige Behandlung von Kreationismus und Evolutionslehre forderte6) und das durch das Urteil mit Verweis auf den ersten Zusatz zur US-Verfassung aufgehoben wurde.

Ein Verbot, den biblischen Schöpfungsbericht im Biologieunterricht zu lehren, erfolgte erst durch das Urteil des Obersten Gerichtshofs aus dem Jahr 19877). Wichtig zu wissen ist, daß es aufgrund des ersten Zusatzes zur US-amerikanischen Verfassung in den dortigen Schulen keinen Religionsunterricht gibt, die Auseinandersetzung um das Ursprungskonzept also (fast) ausschließlich im naturwissenschaftlichen Unterricht geführt werden kann.

Die Geburtsstunde der ID-Bewegung

Durch das Urteil von 1987 sahen sich die Kreationisten gezwungen, ihre Strategie grundlegend zu ändern: Da die vorher propagierte “creation science“ (dt. etwa „Schöpfungswissenschaft“) vom obersten Gerichtshof der USA aus den Schulen verbannt worden war, mußte eine (zumindest wissenschaftlich klingende) Alternative her. Das Buch „Of Pandas and People“ ([7Davis, Percival; Kenyon, Dean H.; Thaxton, Charles B. (Hg.) (1993 [1989]): Of Pandas and People. The Central Question of Biological Origins, Haughton Publishing Company, Dallas, Texas]) kann mit einiger Berechtigung als direkte Antwort auf diese Ereignisse interpretiert werden. Es steht sowohl personell als auch konzeptionell in Verbindung mit früheren Publikationen zur Ursprungsfrage aus dem konservativen christlichen Lager der USA. So wird der Mitautor (academic editor) Charles B. Thaxton von [4Menuge, Angus (2004): Who's Afraid of ID?, in Dembski, William A.; Ruse, Michael (Hg.): Debating Design: From Darwin to DNA, Kap. 3, S. 32-51, Cambridge University Press, Cambridge] im Rahmen seiner Argumentation erwähnt, daß es schon vor dem Beginn der ID-Bewegung vergleichbare Konzepte gegeben habe ([8Thaxton, Charles P.; Bradley, Walter L.; Olsen, Roger L. (1984): The Mystery of Life's Origin: Reassessing Current Theories, Lewis and Stanley, Dallas, TX, 4Menuge, Angus (2004): Who's Afraid of ID?, in Dembski, William A.; Ruse, Michael (Hg.): Debating Design: From Darwin to DNA, Kap. 3, S. 32-51, Cambridge University Press, Cambridge]).

Nick Matzke merkt in einer kritischen Einführung zur ID-Bewegung auf den Internet-Seiten des „National Center for Science Education“ zu diesem Buch an:

The textbook came first, and the „research“ to support it came many years later. Thus, if ID ever does succeed, it will be the first movement in the history of science that began in a high school textbook and then „filtered up“ to acceptance by the scientific research community.

[9]

Trotzdem darf man wohl mit Young und Edis feststellen, daß erst durch Johnsons Buch „Darwin on Trial“ [10Johnson, Phillip E. (1993 [1991]): Darwin on trial, InterVarsity Press, Downers Grove] eine breite Öffentlichkeit von der ID-Bewegung und ihren Konzepten Notiz nahm ([11Young, Matt; Edis, Taner (Hg.) (2004): Why Intelligent Design Fails : A Scientific Critique of the New Creationism, Rutgers University Press, New Brunswick], S. 3). So läßt sich auch erklären, warum häufig dieses Buch als „Geburtsdatum“ der ID-Bewegung angesehen wird (u.a. [12Waschke, Thomas (2003): Intelligent Design — Eine Alternative zur naturalistischen Wissenschaft?, Skeptiker 16:128-136]).

Johnson, emeritierter Berkeley-Professor für Recht, stellt in diesem Buch die Synthetische Evolutionstheorie unter juristischen Gesichtspunkten auf den Prüfstand und kommt zu dem Schluß, daß sie nicht auf empirischen Fakten, sondern auf Glaubensprämissen gegründet sei. Insbesondere unterscheidet Johnson zwischen „naturalistischer Philosophie“ und empirischer Wissenschaft ([10Johnson, Phillip E. (1993 [1991]): Darwin on trial, InterVarsity Press, Downers Grove], S. 158) und unterstellt dem Neodarwinismus, daß dessen Kernthese8) eine Deduktion der zugrundeliegenden naturalistischen Philosophie und nicht auf empirischer Wissenschaft gegründet sei. Selbstbewußt schreibt er im Epilog der zweiten Auflage abschließend:

Darwinian evolution with its blind watchmaker thesis makes me think of a great battleship on the ocean of reality. Its sides are heavily armored with philosophical barriers to criticism, and its decks are stacked with big rhetorical guns ready to intimidate any would-be attackers. In appearance, it is as impregnable as the Soviet Union seemed to be only a few years ago. But the ship has sprung a metaphysical leak, and the more perceptive of the ship's officers have begun to sense that all the ship's firepower cannot save it if the leak is not plugged. There will be heroic efforts to save the ship, of course, and some plausible rescuers will invite the officers to take refuge in electronic lifeboats equipped with high-tech gear like autocatalytic sets and computer models of self-organizing systems. The spectacle will be fascinating, and the battle will go on for a long time. But in the end reality will win.

[10Johnson, Phillip E. (1993 [1991]): Darwin on trial, InterVarsity Press, Downers Grove], S. 169-70

Mit durch dieses populäre Buch wurde Johnson zur Führungsfigur in den ersten Jahren der ID-Bewegung. Er führte auf einer für deren weitere Entwicklung bedeutsamen Konferenz an der Southern Methodist University, Dallas, Texas, im März 1992 die anderen „großen Namen“ zusammen: u.a. Michael Behe, William Dembski und Stephen Meyer.

Die weitere Entwicklung

Wesentlichen Anteil an der weiteren Entwicklung der ID-Bewegung hat das „Discovery Institute“, eine christliche Denkfabrik in Seattle, die sich zum Ziel gesetzt hat, Wissenschaftler, die sich mit Intelligent Design beschäftigen wollen, zu unterstützen. Insbesondere das „Center for the Renewal of Science and Culture“ (CRSC)9), gegründet 1996, nimmt hier eine herausragende Stellung ein. Einerseits haben die „großen Persönlichkeiten“ der ID-Bewegung, Johnson, Behe, Dembski, Meyer und einige andere, Verbindungen zum Discovery Institute, zum anderen organisierte es eine Reihe von Konferenzen, an der neben ID-Vertretern auch anerkannte Wissenschaftler teilnahmen und Stellung bezogen.

Führungspersönlichkeiten und Publikationen

Während zu Beginn die herausragende Persönlichkeit unangefochten Phillip E. Johnson war, landete der Biochemiker Michael J. Behe mit seinem Buch „Darwin's Black Box“ [13Behe, Michael J. (1998 [1996]): Darwin's black box: the biochemical challenge to evolution, Simon & Schuster, New York] einen weiteren „Klassiker“ der ID-Literatur. Seine Hauptthese, kommend aus der Molekular- und Biochemie, lautet:

The result of these cumulative efforts to investigate the cell—to investigate life at the molecular level—is a loud, clear, piercing cry of “design!“ The result is so unambiguous and so significant that it must be ranked as one of the greatest achievements in the history of science… The magnitude of the victory, gained at such great cost through sustained effort over the course of decades, would be expected to send champange corks flying in labs around the world…

But no bottles have been uncorked, no hands slapped. Instead, a curious, embarrassed silence surrounds the stark complexity of the cell…

Why does the scientific community not greedily embrace its startling discovery? Why is the observation of design handled with intellectual gloves? The dilemma is that while one side of the elephant is labeled intelligent design, the other side might be labeled God.

[13Behe, Michael J. (1998 [1996]): Darwin's black box: the biochemical challenge to evolution, Simon & Schuster, New York], S. 232-233

Das Kernkonzept Behes ist die „nichtreduzierbare Komplexität“ (irreducible complexity): Ein System gilt als nichtreduzierbar komplex, wenn alle Bestandteile zur Funktion des Gesamtsystems zwingend notwendig sind. Daraus zieht Behe den Umkehrschluß, ein solches System könne nicht durch evolutionäre Prozesse schrittweise entstanden sein.

In jüngerer Zeit übernahm der Mathematiker und Philosoph William A. Dembski die Rolle des Vordenkers der ID-Bewegung. Neben eigenen Werken, in denen er hauptsächlich eine Formalisierung des Argumentes von Behe von der Mathematik her kommend unternahm ([14Dembski, William A. (1998): The Design Inference: Eliminating Change through Small Probabilities, Cambridge University Press, Cambridge, 15Dembski, William A. (2002): No Free Lunch: Why Specified Complexity Cannot Be Purchased without Intelligence, Rowman and Littlefield, Lanham, MD]), agiert er hauptsächlich als Herausgeber von Sammelbänden mit verschiedenen Aufsätzen zu ID ([16Dembski, William A. (Hg.) (1998): Mere Creation : Science, Faith & Intelligent Design, InterVarsity Press, Downers Grove, IL, 17Dembski, William A.; Ruse, Michael (Hg.) (2004): Debating Design : From Darwin to DNA, Cambridge University Press, Cambridge, 18Dembsky, William A. (Hg.) (2006): Darwin's Nemesis. Phillip Johnson and the Intelligent Design Movement, InterVarsity Press, Downers Grove, IL]).

Einen detaillierteren Überblick über wichtige Vertreter der ID-Bewegung, insbesondere auch in Deutschland, liefert der Artikel "Intelligent Design: Argumente und Ziele seiner Vertreter".

Eine Reihe von Konferenzen

Ihrem Image als wissenschaftliches Forschungsprogramm entsprechend hat die ID-Bewegung in den vergangenen knapp fünfzehn Jahren eine Reihe wissenschaftlicher Konferenzen ausgerichtet, auf denen zum Teil hochkarätige Redner aus Natur- und Geisteswissenschaften vertreten waren.

Die für die weitere Entwicklung der Bewegung entscheidende Konferenz war, wie schon erwähnt, jene aus dem Jahr 1992, bei der sich die späteren Größen der ID-Bewegung zusammenfanden: „Darwinism: Scientific Inference or Philosophical Preference?“, abgehalten an der Southern Methodist University, Dallas, Texas.10)

Ihr folgten eine Reihe von Konferenzen mit nicht weniger programmatischen Titeln:

  • „Mere Creation : Reclaiming the Book of Nature“
    Conference on Design and Origins, Biola University, November 14-17, 199611)
  • „Naturalism, Theism and the Scientific Enterprise“, An Interdisciplinary Conference at the University of Texas - Austin, Feb. 20-23, 199712)
  • „Nature to Nurture“, Michael Polanyi Center (MPC) of the Baylor University, April 12-15, 2000
  • „Design and its Critics“, Concordia University, Mequon, Wis., June 22-24, 200013)
  • „Science and Evidence for Design in the Universe conference“, Yale University, November 2-4, 2000
  • „Design, Self-Organization, and the Integrity of Creation“, Calvin College, May 24-26, 200114)
  • „Intelligent Design and the Future of Science 2004 Conference“, Biola University April 22-24, 200415)

Hinsichtlich mehrerer Aspekte unterscheidet sich die Konferenz „Design and its Critics“, abgehalten an der Concordia University im Jahr 2000, von ihren Vorgängern und Nachfolgern. Zum einen stand auf dem Programm explizit die Kritik an ID, zum anderen ist der Konferenzband mit den Beiträgen beim angesehenen Verlag „Cambridge University Press“ als referierte Publikation erschienen16), herausgegeben nicht nur von William Dembski, sondern auch von dem erklärten Darwinisten und ID-Gegner Michael Ruse.

Dagegen steht, daß die meisten dieser Konferenzen zwar an Universitäten abgehalten, aber nicht von diesen organisiert werden. Als Organisatoren treten verschiedene Organisationen aus dem christlichen Lager auf, u.a. auch hier wieder das Discovery Institute. Das ist per se nicht schlecht, hinterläßt aber gerade bei dem in der ID-Bewegung klar nachweisbaren Bestreben nach Anerkennung in der „offiziellen“ Wissenschaftsgemeinde Fragezeichen hinsichtlich Redlichkeit und Lauterkeit.

ID vor Gericht: der Dover-Prozeß

Der vorläufige Höhepunkt in der Auseinandersetzung um die Ursprungsfrage in US-amerikanischen Lehrplänen für den naturwissenschaftlichen Schulunterricht ist der Prozeß „Kitzmiller v. Dover Area School District, 2005“17). Dieser erste Prozeß vor einem US-amerikanischen Gericht um „Intelligent Design“ endete mit einem aus Sicht der ID-Vertreter vernichtenden Urteil des Richters John E. Jones III (20.12.2005):

Teaching intelligent design in public school biology classes violates the Establishment Clause of the First Amendment to the Constitution of the United States (and Article I, Section 3 of the Pennsylvania State Constitution) because intelligent design is not science and „cannot uncouple itself from its creationist, and thus religious, antecedents.“

William A. Dembski antwortet auf dieses Urteil im Vorwort zu dem von ihm jüngst herausgegebenen Beitragsband zur Konferenz an der Biola University im April 2004:

… let me suggest that this decision is a bump in the road and that Phillip Johnson's program for dismantling Darwinism remains well in hand.

… the actual ruling is not a Waterloo for the intelligent design side. Certainly it will put a damper on some school boards that would otherwise have been interested in promoting intelligent design. But this is not a Supreme Court decision…

Without an explicit Supreme Court decision against intelligent design, we can expect continued grass-roots pressure to promote intelligent design and undercut neo-Darwinian evolution in the public schools. Because of Kitzmiller v. Dover, school boards and state legislators may tread more cautiously, but tread on evolution they will—the culture war demands it!

[18Dembsky, William A. (Hg.) (2006): Darwin's Nemesis. Phillip Johnson and the Intelligent Design Movement, InterVarsity Press, Downers Grove, IL], S. 19f.

Dem Prozeß vorausgegangen war ein Gesetz im US-Bundesstaat Pennsylvania, das ID gleichberechtigt neben der Evolutionslehre im Biologieunterricht verankerte. Außerdem wurde den Schülern eine Erklärung verlesen, derzufolge die Evolutionslehre nicht unumstößlich bewiesen sei. Des weiteren wurden die Schüler auf das Buch „Of Pandas and People“ [7Davis, Percival; Kenyon, Dean H.; Thaxton, Charles B. (Hg.) (1993 [1989]): Of Pandas and People. The Central Question of Biological Origins, Haughton Publishing Company, Dallas, Texas] verwiesen.

Mit dem Urteil ist die Debatte weder entschieden noch beendet, zumal es in diesem Prozeß auch nur um die Frage ging, ob es erlaubt sei, ID in der Schule zu lehren, nicht aber um die von der Verteidigung aufgeworfene Anmerkung, die Evolutionslehre beruhe genauso auf weltanschaulichen Prämissen. Trotzdem läßt sich aus dem Prozeßverlauf und dem sehr umfangreich begründeten Urteil einiges ableiten. Ob der Schluß, den Dembski daraus zieht, zulässig ist, sei dem Urteil des Lesers überlassen:

Ironically, Judge Jones's decision is likely to prove a blessing for the intelligent design movement, spurring its proponents to greater heights and thereby fostering its intellectual vitality and ultimate success.

[18Dembsky, William A. (Hg.) (2006): Darwin's Nemesis. Phillip Johnson and the Intelligent Design Movement, InterVarsity Press, Downers Grove, IL], S. 21

Eine detaillierte Diskussion des Urteils und der Frage, inwieweit ID naturwissenschaftlich ist oder nicht, liefert der Artikel "Intelligent Design: keine ernstzunehmende wissenschaftliche Alternative zum Evolutionsmodell".

Fazit: Alter Wein in neuen Schläuchen?

„Intelligent Design“ ist eine recht junge Entwicklung, deren Beginn sich auf den Anfang der neunziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts festlegen läßt. Die ID-Bewegung unterscheidet sich personell und von ihren Inhalten zumindest teilweise vom „klassischen“ Kreationismus und der „Schöpfungswissenschaft“ (creation science), die noch in den 1980er Jahren in den USA vorherrschte.

Inwieweit man sich dem Urteil des Richters John E. Jones III. anschließen sollte, daß ID sich von seinen kreationistischen und somit religiösen Vorgängern nicht loslösen kann, muß einer weitergehenden Beschäftigung mit den Argumenten und Zielen der ID-Bewegung und der Frage, ob ID naturwissenschaftlich sei oder nicht, vorbehalten bleiben.

In diesem Sinn gibt es auf die eingangs gestellte Frage, ob ID lediglich ein „getarnter Kreationismus“ ([1Forrest, Barbara (2001): The Wedge at work: How intelligent design creationism is wedging its way into the cultural and academic mainstream, in Pennock, Robert T. (Hg.): Intelligent Design Creationism and its Critics, Kap. 1, S. 5-53, MIT Press, Cambridge, MA, 2Coyne, Jerry A. (2001): Creationism by stealth, Nature 410:745-6]) sei, keine einfache Antwort. Sicherlich gibt es manche auch personelle Kontinuität zwischen beiden. Andererseits ist aus der Debatte heraus verständlich, warum sich die ID-Vertreter so vehement gegen das Label „Kreationismus“ wehren: weil es von Seiten der anerkannten Wissenschaft gleichbedeutend ist mit „unwissenschaftlich und daher irrelevant“.

Wichtig für die gesamte Debatte bleibt festzuhalten: Das (abstrakte, wissenschaftliche) Konzept von „Intelligent Design“ (nichtreduzierbare Komplexität etc.) ist nicht identisch mit der ID-Bewegung. Beide Seiten führen die Auseinandersetzung nicht nur mit sachlichen Argumenten. Man sollte sich daher beim Urteilen davor hüten, Menschen zu verurteilen, anstatt Konzepte und Verhaltensweisen kritisch zu hinterfragen und gegebenenfalls auch abzulehnen.

Zitierte Literatur

[1]
Forrest, Barbara (2001): The Wedge at work: How intelligent design creationism is wedging its way into the cultural and academic mainstream, in Pennock, Robert T. (Hg.): Intelligent Design Creationism and its Critics, Kap. 1, S. 5-53, MIT Press, Cambridge, MA
[2]
Coyne, Jerry A. (2001): Creationism by stealth, Nature 410:745-6
[3]
Denton, Michael (1986): Evolution: A Theory in Crisis, Adler and Adler, Chevy Chase, MD
[4]
Menuge, Angus (2004): Who's Afraid of ID?, in Dembski, William A.; Ruse, Michael (Hg.): Debating Design: From Darwin to DNA, Kap. 3, S. 32-51, Cambridge University Press, Cambridge
[5]
Dobzhansky, Theodosius (1973): Nothing in biology makes sense except in the light of evolution, Am. Biol. Teach. 35:125-129
[6]
Overton, William R. (1982): Creationism in Schools: The Decision in McLean Versus the Arkansas Board of Education, Science 215:934-942
[7]
Davis, Percival; Kenyon, Dean H.; Thaxton, Charles B. (Hg.) (1993 [1989]): Of Pandas and People. The Central Question of Biological Origins, Haughton Publishing Company, Dallas, Texas
[8]
Thaxton, Charles P.; Bradley, Walter L.; Olsen, Roger L. (1984): The Mystery of Life's Origin: Reassessing Current Theories, Lewis and Stanley, Dallas, TX
[9]
[10]
Johnson, Phillip E. (1993 [1991]): Darwin on trial, InterVarsity Press, Downers Grove
[11]
Young, Matt; Edis, Taner (Hg.) (2004): Why Intelligent Design Fails : A Scientific Critique of the New Creationism, Rutgers University Press, New Brunswick
[12]
Waschke, Thomas (2003): Intelligent Design — Eine Alternative zur naturalistischen Wissenschaft?, Skeptiker 16:128-136
[13]
Behe, Michael J. (1998 [1996]): Darwin's black box: the biochemical challenge to evolution, Simon & Schuster, New York
[14]
Dembski, William A. (1998): The Design Inference: Eliminating Change through Small Probabilities, Cambridge University Press, Cambridge
[15]
Dembski, William A. (2002): No Free Lunch: Why Specified Complexity Cannot Be Purchased without Intelligence, Rowman and Littlefield, Lanham, MD
[16]
Dembski, William A. (Hg.) (1998): Mere Creation : Science, Faith & Intelligent Design, InterVarsity Press, Downers Grove, IL
[17]
Dembski, William A.; Ruse, Michael (Hg.) (2004): Debating Design : From Darwin to DNA, Cambridge University Press, Cambridge
[18]
Dembsky, William A. (Hg.) (2006): Darwin's Nemesis. Phillip Johnson and the Intelligent Design Movement, InterVarsity Press, Downers Grove, IL
[19]
Buell, Jon; Hearn, Virginia (Hg.) (1994): Darwinism: Science or Philosophy, Foundation for Thought and Ethics, Richardson, TX
1) Man könnte an dieser Stelle einwenden, daß es keinen Zwang gibt, diese an sich in weiten Teilen philosophische Frage ausgerechnet im naturwissenschaftlichen anstatt im Philosophie-Unterricht zu diskutieren. Die Praxis und die Praktikabilität führen allerdings dazu, daß sich die Debatte hauptsächlich um die Thematisierung alternativer Ursprungskonzepte im naturwissenschaftlichen (und vornehmlich im Biologie-)Unterricht dreht.
2) Scopes v. State, 152 Tenn. 424, 278 S.W. 57 (Tenn. 1925), später dann als Grundlage für ein Theaterstück „Inherit the Wind (Lawrence and Lee, 1955) genommen und als Film (Stanley Kramer, 1960) berühmt geworden
3) Epperson v. Arkansas, 393 U.S. 97 (1968)
4) The Establishment Clause of the First Amendment to the United States Constitution states that: „Congress shall make no law respecting an establishment of religion“ Together with the Free Exercise Clause, („or prohibiting the free exercise thereof“), these two clauses make up what are commonly known as the religion clauses.
5) Eine höchst ungewöhnliche Entscheidung, die ein starkes Indiz dafür ist, wie wichtig den Herausgebern von Science, der AAAS (American Association for the Advancement of Science), einer der großen Wissenschaftlervereinigungen in den USA, dieses Urteil war. Science gehört neben der britischen Nature zu den angesehendsten allgemeinen Wissenschaftsjournalen.
6) „Balanced Treatment for Creation-Science and Evolution-Science Act“
7) Edwards v. Aguillard, 482 U.S. 578 (1987)
8) Die Kernthese des Neodarwinismus ist nach Johnson der Mechanismus, durch den komplexe Strukturen entstehen, also das Zusammenspiel von Mutation und Selektion bzw. Zufall und Notwendigkeit ([10Johnson, Phillip E. (1993 [1991]): Darwin on trial, InterVarsity Press, Downers Grove], S. 158).
9) später umbenannt in „Center for Science and Culture“ (CSC)
10) „Darwinism: Scientific Inference or Philosophical Preference?“, Southern Methodist University, Dallas, Texas, USA, March 26-28, 1992 Konferenzband: [19Buell, Jon; Hearn, Virginia (Hg.) (1994): Darwinism: Science or Philosophy, Foundation for Thought and Ethics, Richardson, TX], im Internet unter http://www.leaderu.com/orgs/fte/darwinism/index.html
11) Konferenzband: [16Dembski, William A. (Hg.) (1998): Mere Creation : Science, Faith & Intelligent Design, InterVarsity Press, Downers Grove, IL]
12) Eine Übersicht über die Beiträge findet sich auf der Seite http://www.leaderu.com/offices/koons/menus/conference.html; die auf dieser Konferenz vorgestellten Artikel befinden sich auf den Seiten der Universität von Texas: [http://www.utexas.edu/cola/depts/philosophy/faculty/koons/ntse/papers.html]]
13) Konferenzband: [17Dembski, William A.; Ruse, Michael (Hg.) (2004): Debating Design : From Darwin to DNA, Cambridge University Press, Cambridge]
14) Eine Übersicht über die Konferenz findet sich unter: http://www.calvin.edu/scs/2001/conferences/dembski/schedule.htm
15) Konferenzband: [18Dembsky, William A. (Hg.) (2006): Darwin's Nemesis. Phillip Johnson and the Intelligent Design Movement, InterVarsity Press, Downers Grove, IL]
16) Referiert bedeutet in diesem Zusammenhang, daß das Buch vor der Publikation nicht nur den verlagsinternen Qualitätskontrollen genügen mußte, sondern zur Durchsicht an – in diesem Fall acht – externe Gutachter, meist Experten auf dem jeweiligen Gebiet, weitergegeben wurde.
17) Tammy Kitzmiller, et al. v. Dover Area School District, et al.; 2005 WL 578974 (MD Pa. 2005); Urteil unter http://www.pamd.uscourts.gov/kitzmiller/kitzmiller_342.pdf
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