Intelligent Design: keine ernstzunehmende wissenschaftliche Alternative zum Evolutionsmodell

Zusammenfassung: Intelligent Design (ID) erhebt den Anspruch, eine (natur-)wissenschaftliche Alternative zum Evolutionsmodell zu sein. Dieser Anspruch ist zum einen Voraussetzung dafür, in den USA an den Schulen überhaupt als Alternative zum Evolutionsmodell gelehrt werden zu dürfen. Ein weiterer Grund dafür, warum die ID-Vertreter so vehement darauf bedacht sind, die Naturwissenschaftlichkeit ihres Ansatzes zu verteidigen, ist die besondere Bedeutung, die Aussagen der Wissenschaften in der Gesellschaft zukommen. Die Frage stand ebenfalls im Mittelpunkt eines kürzlich zuende gegangenen Prozesses in den USA. Der Teil der Urteilsbegründung, der sich damit befaßt, wird kritisch betrachtet und kommentiert. Aus der Gesamtheit der Fakten ergibt sich ein klares Bild: ID kann sich nicht als naturwissenschaftliches Konzept und im Weiteren auch nicht als ernstzunehmende Alternative zum Evolutionsmodell etablieren. Durch die Einbeziehung supranaturaler Ursachen zur Erklärung der Herkunft des Designs verläßt ID den Boden der empirischen Wissenschaft. Der Versuch, mit dem methodischen Naturalismus die Grundlage aller empirischen Wissenschaft anzugreifen und durch einen Supranaturalismus zu ersetzen, läuft ebenfalls ins Leere, erklärt aber, warum die etablierte Wissenschaft dem ID-Ansatz skeptisch und ablehnend gegenübersteht. Doch auch wenn ID keine ernstzunehmende wissenschaftliche Alternative zum Evolutionsmodell ist, bedeutet das nicht, daß das Evolutionsmodell als solches wahr oder richtig ist. Es ist lediglich das beste momentan verfügbare naturwissenschafliche Modell zur Erklärung des Ursprungs und der Entstehung des Lebens. Allerdings sind der Reichweite der Naturwissenschaften bei historischen Fragestellungen Grenzen gesetzt, die im Rahmen eines Evolutionsparadigmas ebenfalls überschritten werden.

Der Frage nach der Wissenschaftlichkeit des ID-Ansatzes kommt u.a. deshalb so große Bedeutung und Aufmerksamkeit zu, da die Naturwissenschaftlichkeit Grundvoraussetzung ist, in den USA im Biologie-Unterricht gelehrt werden zu dürfen. Entsprechend breiten Raum nimmt die Diskussion dieser Frage in der Literatur sowohl der Vertreter (u.a. [1Behe, Michael J. (2001): Reply to My Critics: A Response to Reviews of Darwin's Black Box: The Biochemical Challenge to Evolution, Biology and Philosophy 16:685-709, 2Dembski, William A. (2002): Becoming a Disciplined Science: Prospects, Pitfalls, and Reality Check for ID, in: RAPID Conference (Research and Progress in Intelligent Design)]) als auch der Kritiker (u.a. [3Perakh, Mark; Young, Matt (2004): Is Intelligent Design Science?, in Young, Matt; Edis, Taner (Hg.): Why Intelligent Design Fails : A Scientific Critique of the New Creationism, Kap. 13, S. 185-196, Rutgers University Press, New Brunswick]) ein. Letztlich drehte sich der ganze im Dezember 2005 mit großem Medienecho zuende gegangene „Dover-Prozeß“1) um diese Frage.

Einführung

Wenn im Folgenden dargelegt werden wird, warum Intelligent Design keine ernstzunehmende wissenschaftliche Alternative zum Evolutionsmodell ist, dann sind zwei Dinge wichtig: Erstens spielt die persönliche Einschätzung des Autors eine Rolle in seinem Urteil, zweitens bedeutet dieses Urteil nicht, daß es keine Alternative zum Evolutionsmodell geben kann, sondern nur, daß ID keine ernstzunehmende Alternative darstellt.

Der Artikel setzt voraus, was in den beiden Artikeln über die geschichtliche Entwicklung der ID-Bewegung und die Argumente der ID-Vertreter ausgeführt wurde.

Was ist Wissenschaft?

Eine befriedigende Antwort auf die Frage geben zu wollen, was Wissenschaft ist, wäre bei der gebotenen Kürze vermessen. Trotzdem ist es unabdingbar für die Auseinandersetzung mit der Frage, inwiefern ID Wissenschaft sein kann oder nicht, einige grundlegende Aspekte zu nennen.

Eine interessante Beobachtung liefert der Wissenschaftsphilosoph Alan Chalmers in der Einführung zu seinem Grundlagenwerk über Wissenschaftstheorie. Er stellt zunächst heraus, daß (Natur-)Wissenschaft in der Gesellschaft als besonders vertrauenswürdig wahrgenommen wird:

Science is highly esteemed. Apparently it is a widely held belief that there is something special about science and its methods. The naming of some claim or line of reasoning or piece of research „scientific“ is done in a way that is intended to imply some kind of merit or special kind of reliability. But what, if anything, is so special about science?

[4Chalmers, Alan F. (1999): What is this thing called Science?, Open University Press, Berkshire, UK], S. xix

Wie später noch zu zeigen sein wird, liegt hierin ein weiterer Schlüssel für die Bemühungen der ID-Vertreter, ID als Naturwissenschaft zu etablieren. Eine Definition von Naturwissenschaft, der gerade in diesem Zusammenhang besondere Bedeutung zukommt, weil sie im Dover-Prozeß eine Rolle spielte und von beiden Seiten akzeptiert wurde, ist diejenige der National Academy of Sciences der USA:

Science is a particular way of knowing about the world. In science, explanations are limited to those based on observations and experiments that can be substantiated by other scientists. Explanations that cannot be based on empirical evidence are not part of science.2)

[5NAS, (Hg.) (1999): Science and Creationism: A View from the National Academy of Sciences, National Academy Press, Washington, DC], S. 1, „Introduction“

Diese wohl am weitesten verbreitete „Definition“ von Naturwissenschaft, die Beschränkung auf empirische Belege und die damit suggerierte Objektivität, hat deutlich mehr Schwierigkeiten, als das auf den ersten Blick scheint. Chalmers schreibt dazu:

As we shall see, the idea that the distincive feature of scientific knowledge is that it is derived from the facts of experience can only be sanctioned in a carefully and highly qualified form, if it is to be sanctioned at all. We will encounter reasons for doubting that facts acquired by observation and experiment are as straightforward and secure as has traditionally been assumed. We will also find that a strong case can be made for the claim that scientific knowledge can neigher be conclusively proved nor conclusively disproved by reference to the facts, even if the availabiliy of those facts is assumed. Some of the arguments to support this skepticism are based on an analysis of the nature of observation and on the nature of logical reasoning and its capabilities. Others stem from a close look at the history of science and contemporary scientific practice.

[4Chalmers, Alan F. (1999): What is this thing called Science?, Open University Press, Berkshire, UK], S. xxi

Eine wesentlich formalere und umfassendere Definition des Begriffs „Wissenschaft“ gibt Hans Poser ausgehend von Kants Definition:

Doch was ist Wissenschaft? Kant definiert auf der ersten Seite der Vorrede seiner Metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft:

„Eine jede Lehre, wenn sie ein System, d.i. ein nach Prinzipien geordnetes Ganzes der Erkenntnis sein soll, heißt Wissenschaft.“

Diese Definition ist sehr aufschlußreich, enthält sie doch wesentliche Elemente dessen, was wir mit Wissenschaft verbinden: Erstens und vor allem geht es um Erkenntnis; und im Begriff der Erkenntnis ist bereits enthalten, daß die Aussagen einer Wissenschaft begründet sein müssen, weil eine Erkenntnis eine als wahr nachgewiesene Aussage ist. Zweitens stellt Kants Definition fest, daß es nicht mit einzelnen Aussagen getan ist, so gut begründet sie sein mögen, sondern daß diese Aussagen ein System bilden müssen; Wissenschaft wird also verstanden als das Resultat eines wie auch immer gearteten methodischen Verfahrens, das zu einem Zusammenhang der Aussagen untereinander führt. Ein drittes Element der Definition besteht darin, daß dieses System eine argumentative Struktur haben muß; eben dies ist mit der These Kants gemeint, es müsse sich um ein „nach Prinzipien geordnetes Ganzes“ der Erkenntnis handeln. Wissenschaft, so verstanden, ist Ausdruck eines Begründungsanspruchs, eines Rationalitätsanspruchs, der begann, als griechische Denker auf den lebenspraktisch gänzlich überflüssigen Gedanken kamen, den aus Feldvermessungen wohlbekannten Satz des Pythagoras zu beweisen! Wissenschaft, wo immer und wie immer sie betrieben wird, zielt also ab auf Aussagensysteme oder Theorien, die begründet sind.

[6Poser, Hans (2001): Wissenschaftstheorie. Eine philosophische Einführung, Reclam, Stuttgart], S. 21f., Hervorhebungen im Original

So schön und glatt diese Definition auch sein mag, auch Poser schränkt im Folgenden ihre Reichweite deutlich ein. Er betont wie Chalmers die Abhängigkeit unserer Beobachtungen von einer a priori zugrundegelegten Theorie3): „Eine vollständige Rückführung auf theorielose Beobachtung ist unmöglich.“ ([6Poser, Hans (2001): Wissenschaftstheorie. Eine philosophische Einführung, Reclam, Stuttgart], S. 90) Und: „Jede Beobachtung ist eine Beobachtung im Lichte einer Theorie.“ ([6Poser, Hans (2001): Wissenschaftstheorie. Eine philosophische Einführung, Reclam, Stuttgart], S. 126) Noch deutlicher wird er, wenn es um die Frage der Wahrheit in den empirischen Wissenschaften geht:

Nicht nach Wahrheitsbeweisen ist in den Erfahrungswissenschaften zu suchen, denn diese sind dort grundsätzlich unmöglich; vielmehr müssen sogenannte Naturgesetze ausschließlich als Hypothesen betrachtet werden, die so lange beibehalten werden, als sie nicht falsifiziert sind.

[6Poser, Hans (2001): Wissenschaftstheorie. Eine philosophische Einführung, Reclam, Stuttgart], S. 120

Das heißt konkret, daß die Wahrheitsfrage nicht von den empirischen Wissenschaften beantwortet werden kann und sich damit ihrem Aussagen- und Gültigkeitsbereich entzieht. Damit disqualifiziert sich die empirische Wissenschaft gleichzeitig für die Behandlung der „eigentlichen“, den Menschen bewegenden Fragen nach dem Woher, Wohin und Wozu.

Drei knappe Statements sollen diesen kurzen Gang durch die Wissenschaftstheorie abschließen. Sie fassen einige für die Behandlung der Frage nach der Wissenschaftlichkeit von ID wesentliche Aspekte zusammen.

Ein empirisch-wissenschaftliches System muß an der Erfahrung scheitern können.

Popper, Logik der Forschung, zitiert nach [6Poser, Hans (2001): Wissenschaftstheorie. Eine philosophische Einführung, Reclam, Stuttgart], S. 120

Dieser berühmte Satz des „Vaters der modernen Wissenschaftstheorie“ Karl Popper faßt dessen gesamtes Programm zusammen. Die Frage, inwieweit Evolutionsmodell bzw. Schöpfungsmodell/ID an diesem Kriterium scheitern, ist Gegenstand anhaltender Diskussionen.

Zwei weitere Aussagen, beide von Hans Poser, stellen die Funktionsweise von Wissenschaft klar heraus, wobei offen bleiben muß, inwieweit sie die Realität oder eher einen abstrakten Idealzustand wiederspiegeln:

Wir akzeptieren einen Beobachtungssatz vorderhand als wahr, weil und wenn es zur Zeit keine ernsthaften Einwendungen gibt.

[6Poser, Hans (2001): Wissenschaftstheorie. Eine philosophische Einführung, Reclam, Stuttgart], S. 128

Was sind ernsthafte Einwendungen? Hier gibt es gerade bei der Ursprungsfrage und der Auseinandersetzung um ID große Differenzen zwischen den verschiedenen Lagern. Und auch das letzte Statement ist zwar formal richtig, bietet aber in der Praxis Anlaß für heftige Diskussionen:

Festsetzungen müssen stets der Änderung aufgrund stichhaltiger Kritik offenstehen.

[6Poser, Hans (2001): Wissenschaftstheorie. Eine philosophische Einführung, Reclam, Stuttgart], S. 132

Ein häufig von seiten der ID-Vertreter gehörter Vorwurf an die Wissenschaftsgemeinde ist gerade, daß das Evolutionsmodell stichhaltiger Kritik nicht offenstehe. Die umgehende Replik darauf ist, daß die Kritik seitens ID eben nicht stichhaltig sei.

Eine Gelegenheit, bei der diese Differenzen im direkten Austausch deutlich zutage traten, ist der sogenannte „Dover-Prozeß“ (Kitzmiller v. Dover Area School District, 2005) in den USA, der Ende 2005 mit der Urteilsverkündigung zuende ging. Hier ging es maßgeblich um die Frage, ob ID naturwissenschaftlich sei und demzufolge im Biologie-Unterricht gelehrt werden dürfe. Im nächsten Abschnitt soll die Argumentation des zuständigen Richters John E. Jones III zu dieser Frage genauer betrachtet werden.

Warum ID keine Naturwissenschaft ist: Argumente aus dem Dover-Prozeß

Zwei Vorbemerkungen zu diesem Prozeß sind wichtig, um ihn richtig einschätzen zu können: Einerseits ging es um die Wissenschaftlichkeit von ID, nicht um die Unwissenschaftlichkeit von Evolution. Das stellte der Richter eindeutig fest und wies entsprechende Versuche der Verteidigung, die Unwissenschaftlichkeit des Evolutionsmodells zu thematisieren, ab. Andererseits war die Verteidigung sehr prominent besetzt. Mit Michael Behe als einem der Zeugen der Verteidigung war einer der prominentesten Vertreter der ID-Bewegung zugegen. Man kann also mit einiger Berechtigung davon ausgehen, daß die Argumente, die von dieser Seite vorgebracht wurden, das Beste momentan verfügbare darstellen.

In seiner ausführlichen Urteilsbegründung führt Jones unter der Überschrift „Whether ID is Science“ drei Kriterien auf, die jedes für sich hinreichend seien, um eine Naturwissenschaft zu charakterisieren, jedoch alle drei von ID nicht erfüllt würden ([7], S. 64):

  • ID verletzt die jahrhundertealten Grundregeln der Naturwissenschaften, indem es übernatürliche Ursachen zuläßt und sich auf diese zur Erklärung beruft.
  • Das Argument der nichtreduzierbaren Komplexität gründet auch einem künstlichen Dualismus, der besagt, daß Argumente gegen die Evolution Argumente für ID seien.
  • Die Angriffe des ID auf die Evolution wurden von der Wissenschaftsgemeinde widerlegt.

Eine Reihe weiterer Argumente, die in eine ähnliche Richtung weisen, lassen sich zusammenfassen: ID konnte keine Akzeptanz in der Wissenschaftsgemeinde erlangen, hat keine von Experten begutachteten („peer-reviewed“) Veröffentlichungen hervorgebracht und war nicht Gegenstand von Überprüfungen oder Forschung.

Zwei weitere Argumente, die eingangs nicht so explizit formuliert, aber im Verlauf der Urteilsbegründung ausgeführt werden, sollen ebenfalls näher beleuchtet werden:

  • Das Design-Argument ist subjektiv und nicht falsifizierbar.
  • ID-Vertreter haben oft ein falsches Verständnis der Evolution. Ihre Argumentation weist zahlreiche Fehler auf.

In Folgenden werden die Argumente aus der Urteilsbegründung des Richters Jones genannt und kritisch kommentiert.

ID verletzt die anerkannten Grundregeln der Naturwissenschaften

Bei der Definition des Begriffs „Naturwissenschaft“ stützt sich Jones auf die im vorigen Abschnitt zitierte Definition der National Academy of Sciences (NAS) der USA (vgl. [5NAS, (Hg.) (1999): Science and Creationism: A View from the National Academy of Sciences, National Academy Press, Washington, DC], S. 1). Er betont, daß beide Seiten, auch die Verteidigung, diese Definition anerkannt hätten. Diese rigorose Beschränkung auf „natürliche“ Erklärungen sei eine grundlegende Eigenschaft der Naturwissenschaften, sowohl per Definition als auch per Konvention.

Wichtig anzumerken ist, daß Jones übernatürliche Erklärungen nicht grundsätzlich ablehnt: Während übernatürliche Erklärungen wichtig sein mögen und ihren Vorzug haben, sind sie nicht Teil der Naturwissenschaft. Er geht allerdings doch einen Schritt weiter, wenn er feststellt, daß es ein Hemmschuh für die Wissenschaft (science stopper) sei, ungelöste Probleme der Natur dem Wirken von Faktoren zuzuschreiben, die außerhalb der natürlichen Welt liegen. Hier verläßt Jones die reine Faktenlage eines Vergleichs der Definition von Naturwissenschaft und dem Selbstanspruch von ID und gibt eine Wertung ab, der von Seiten der ID-Vertreter heftig widersprochen wird.

Weiterhin stellt Jones fest, daß das Ziel von ID sei, die Grundregeln der Naturwissenschaft so zu verändern, daß sie übernatürliche Ursachen der natürlichen Welt zulassen. Das ist konform mit den Ansichten Johnsons und Dembskis, wie beide sie in vielen ihrer Publikationen dargelegt haben (u.a. [8Johnson, Phillip E. (1993 [1991]): Darwin on trial, InterVarsity Press, Downers Grove, 9Johnson, Phillip E. (1995): Reason in the Balance : The Case Against Naturalism in Science, Law & Education, InterVarsity Press, Downers Grove, IL, 10Johnson, Phillip E. (1999): The Wedge. Breaking the Modernist Monopoly on Science, Touchstone 12:18, 11Dembski, William A. (Hg.) (1998): Mere Creation : Science, Faith & Intelligent Design, InterVarsity Press, Downers Grove, IL, 2Dembski, William A. (2002): Becoming a Disciplined Science: Prospects, Pitfalls, and Reality Check for ID, in: RAPID Conference (Research and Progress in Intelligent Design)]). Als logische Konsequenz kann (und muß) Jones festhalten, daß ID die gundlegenden Regeln verfehlt, die Naturwissenschaften auf überprüfbare, natürliche Erklärungen beschränken. Selbst die Experten der Verteidigung räumten ein, daß ID keine Theorie nach der Definition der NAS ist und bestenfalls als „Grenzwissenschaft“ (fringe science) gelten kann.

ID gründet auf einem künstlichen (und falschen) Dualismus.

ID gründet auf der falschen Gegensätzlichkeit (Dichotomie), daß ID im gleichen Maße bestätigt wird, wie die Evolutionstheorie in Mißkredit gebracht wird. Hier wird von Seiten der ID-Vertreter mit dem aristotelischen Konzept des tertium non datur argumentiert: Da sich Evolution und ID gegenseitig ausschließen, kann nur eines von beiden richtig sein und es kann auch kein „Mittelding“ zwischen beiden geben. Diese Sicht findet sich bei Dembski klar formuliert:

Intelligent design's legitimacy as an intellectual project hinges on two facts that are independent of its state of development. First, evolutionary biology has been so hugely unsuccessful as a scientific theory in accounting for the origin of life and the emergence of biological complexity that it does not deserve a monopoly regardless what state of formation ID has reached. Second, ID is logically speaking the only alternative to a mechanistic evolutionary biology.

[2Dembski, William A. (2002): Becoming a Disciplined Science: Prospects, Pitfalls, and Reality Check for ID, in: RAPID Conference (Research and Progress in Intelligent Design)], S. 3

Unabhängig davon, wie man sich zur Aussage Dembskis stellt, die Evolutionsbiologie sei als wissenschaftliche Theorie erfolglos, ist sein Schluß, daß sie deshalb zu verwerfen sei, ganz egal ob es ein alternatives Konzept gibt oder nicht, einfach nicht haltbar. Ein solches „destruktives Mißtrauensvotum“ widerspricht der Praxis der Wissenschaften und wird zurecht von der Wissenschaftsgemeinde abgelehnt.

Eng mit dieer Dualität verbunden ist das argumentum ad ignorantiam: Vertreter des ID argumentieren vorzugsweise für Design durch negative Argumente gegen Evolution. Argumente gegen Evolution sind aber keine Argumente für Design. Um es mit einem Bonmot eines der am Prozeß beteiligten zu sagen:

Absence of evidence is not evidence of absence.

Kevin Padian, zitiert in [7], S. 72

Die „Nichtreduzierbare Komplexität“ Behes, eines der Schlüsselkonzepte von ID, ist ein negatives Argument gegen Evolution, kein Beweis für Design. Das ist auch Behe aufgefallen, und so schreibt er:

The current definition puts the focus on removing a part from an already-functioning system. […] The difficult task facing Darwinian evolution, however, wuld not be to remove parts from sophisticated pre-existing systems; it would be to bring together components to make a new sytem in the first place. Thus there is an asymmetry between my current definition of irreducible complexity and the task facing natural selection.4)

[1Behe, Michael J. (2001): Reply to My Critics: A Response to Reviews of Darwin's Black Box: The Biochemical Challenge to Evolution, Biology and Philosophy 16:685-709], S. 695

Ob es im gelingen wird, diese Schwäche der Definition zu beheben, bleibt eine offene Frage. Interessant ist in diesem Zusammenhang festzustellen, daß dieser falsche Dualismus nicht auf die Vertreter von ID beschränkt ist. Man findet ihn genauso in der Argumentation prominenter Evolutionsvertreter, meist im Zusammenhang mit häufig genannten theologischen Argumenten für das Evolutionsmodell. Sie gehen von einem vollkommen falschen Gottesbild aus und versuchen dann zu zeigen, daß dieses Gottesbild unhaltbar und die einzige logische Alternative ein konsequent naturalistisches Evolutionsmodell ist. Mit einer gewissen Berechtigung kann man Charles Darwin selbst als Beispiel nennen5), aber auch prominente Vertreter wie Ernst Mayr [13Mayr, Ernst (2003): Das ist Evolution, Bertelsmann, M"unchen] und Daniel Dennett [14Dennett, Daniel C. (1995): Darwin's Dangerous Idea : Evolution and the Meaning of Life, Simon and Schuster Paperbacks, New York] gehören dazu.

Dadurch wird das Argument als solches natürlich nicht besser. Hinzu kommt noch, daß im Fall des Dover-Prozesses die zu behandelnde Frage nicht die der logischen Schlüssigkeit des Evolutionsmodells, sondern eben des ID-Ansatzes war.

ID kann als naturwissenschaftlich widerlegt betrachtet werden.

Die vielleicht momentan beste Zusammenfassung der naturwissenschaftlichen Kritik am ID-Ansatz gibt [15Young, Matt; Edis, Taner (Hg.) (2004): Why Intelligent Design Fails : A Scientific Critique of the New Creationism, Rutgers University Press, New Brunswick]. Einen Überblick über die vier Bereiche Darwinismus, Selbstorganisation, theistische Evolution und ID liefert der Diskussionsband [16Dembski, William A.; Ruse, Michael (Hg.) (2004): Debating Design : From Darwin to DNA, Cambridge University Press, Cambridge].

Das Kernargument des ID-Ansatzes ist, daß es innerhalb des Evolutionsparadigmas nicht gelungen sei, die Entstehung komplexer Strukturen zu erklären, von denen die Biologie voll ist. Diesem Vorwurf wird von Seiten der Wissenschaft mit dem Verweis auf das Konzept der „Exaptation“ [17Gould, Stephen Jay; Vrba, Elisabeth S. (1982): Exaptation—A missing term in the science of form, Paleobiology 8:4-15] geantwortet. Damit ist gemeint, daß Eigenschaften in neuem Kontext für eine Funktion verwendet werden, für die sie ursprünglich nicht entstanden waren. Man könnte das Konzept auch kurz als „kreative Zweckentfremdung“ bezeichnen. Häufig wird der Begriff der Exaptation synonym zum Begriff der Präadaptation verwendet, auch wenn es in der Vergangenheit heftige Diskussionen darüber gab, ob und wie diese beiden zu unterscheiden seien.

Weil die Selektion selbst nicht kreativ ist, sondern nur auf vorhandene Variation wirkt, müssen in einem darwinistischen Evolutionskonzept alle neuen Varianten als Exaptationen entstanden sein. Diese Sicht wird von der Erkenntnis gestützt, daß nicht nur solche Strukturen erhalten bleiben, die sich als vorteilhaft erweisen, sondern auch gegenüber der Selektion neutrale Strukturen, die dem Organismus keinen Nachteil einbringen.

Tatsächlich muß also festgehalten werden, daß mit der Exaptation innerhalb des Evolutionsparadigmas ein theoretisches Konzept vorliegt, die Entstehung komplexer Strukturen zu erklären. Inwieweit dieses Konzept erfolgreich jede der von Behe als „nichtreduzierbar komplex“ kategorisierten Strukturen erklären kann, muß von Fall zu Fall geprüft werden und ist aufgrund der notwendigerweise spekulativen Natur der Aussagen6) zu einem größeren Teil in das Ermessen des jeweiligen Betrachters gestellt, als uns lieb sein mag. Solange die Schlußfolgerung des Betrachters begründet ist, verläßt das Vorgehen allerdings nicht den Rahmen der Wissenschaft.

Jones stellt in seiner Urteilsbegründung fest, daß sich anhand zahlreicher von Experten begutachteten (peer-reviewed) Veröffentlichungen zeigen lasse, daß die von Behe genannten nichtreduzierbar komplexen Systeme tatsächlich nicht nichtreduzierbar komplex sind. Vorsichtiger formuliert läßt sich zeigen, daß die von Behe genannten Systeme von der offiziellen Wissenschaft nicht als „nichtreduzierbar komplex“ anerkannt werden.

Einen guten Einstieg in die wissenschaftliche Kritik der nichtreduzierbaren Komplexität anhand einiger prominenter Beispiele liefern [18Gishlick, Alan D. (2004): Evolutionary Paths to Irreducible Systems: The Avian Flight Apparatus, in Young, Matt; Edis, Taner (Hg.): Why Intelligent Design Fails : A Scientific Critique of the New Creationism, Kap. 5, S. 58-71, Rutgers University Press, New Brunswick] und [19Musgrave, Ian (2004): Evolution of the Bacterial Flagellum, in Young, Matt; Edis, Taner (Hg.): Why Intelligent Design Fails : A Scientific Critique of the New Creationism, Kap. 6, S. 72-84, Rutgers University Press, New Brunswick], [20Shanks, Niall; Karsai, Istvan (2004): Self-Organization and the Origin of Complexity, in Young, Matt; Edis, Taner (Hg.): Why Intelligent Design Fails : A Scientific Critique of the New Creationism, Kap. 7, S. 85-106, Rutgers University Press, New Brunswick] geht mehr auf die Rolle von Selbstorganisation bei der Entstehung solcher Strukturen ein. Alle Beiträge liefern viele Verweise in die Fachliteratur für den interessierten Leser.

Die Entgegnung Behes, diese Belege seien kein ausreichender Beweis für die Evolution, zeigt nach Ansicht Jones', daß das ID-Argument auf einer naturwissenschaftlich unangemessen Beweislast für die Evolutionstheorie gründet. Man muß dem Richter hier insofern Recht geben, als daß Behe tatsächlich von der Naturwissenschaft Unmögliches verlangt: Denn selbst wenn Evolutionsbiologen ein Szenario aus Einzelmutationen (quasi den kleinsten Einheiten der Evolution) zeigen könnten, das zur Entstehung derartiger Systeme führt7), könnte Behe immer noch darauf verweisen, daß das lediglich ein mögliches Szenario sei, aber nicht zwingend das real abgelaufene. Insofern macht die Tatsache, daß das Argument der nichtreduzierbaren Komplexität testbar ist, das Argument für ID nicht testbar.

Der letzte Trumpf in der Argumentation lautet: Selbst wenn nichtreduzierbare Komplexität nicht zurückgewiesen wäre, wäre es keine Unterstützung für ID, da sie lediglich ein Test für Evolution, nicht für Design ist. Damit sind wir wieder beim als logisches Argument ungültigen künstlichen Dualismus.

ID hat keine von Experten begutachteten Veröffentlichungen vorzuweisen und ist von der Wissenschaftsgemeinde nicht anerkannt.

Publish or perish – veröffentliche oder gehe unter – lautet eine gängige Redewendung im Wissenschaftsbetrieb: Wer in der Wissenschaft erfolgreich sein will, muß möglichst viel veröffentlichen. Denn Qualifikation wird insbesondere in den Naturwissenschaften an der Länge der Publikationsliste und an der Bedeutung der Zeitschriften (dem impact factor), in denen publiziert wurde, festgemacht. Aus dieser Realität heraus erklärt sich, warum die ID-Vertreter so darauf drängen, ebenfalls in den einschlägigen Journalen zu veröffentlichen und warum andererseits die Wissenschaftsgemeinde das Ausbleiben dieser Veröffentlichungen als eindeutiges Zeichen für die Unwissenschaftlichkeit des ID-Ansatzes wertet.

Eine Besonderheit vornehmlich der naturwissenschaftlichen Journale ist das sogenannte Peer Review-System: Ein Artikel wird, bevor er veröffentlicht wird, an mehrere externe Gutachter verschickt, die ihn auf Schlüssigkeit und Qualität prüfen und gegebenenfalls Nachbesserungen einfordern oder ihn ganz ablehnen können. Erst wenn er durch diesen Prozeß gegangen und der Veröffentlichung für wert befunden wurde, erscheint er im Journal.

Inwieweit die Aussage von Richter Jones, es gebe überhaupt keine von Experten begutachteten Veröffentlichungen, die die Theorie des ID unterstützen, auf Dauer haltbar ist, sei dahingestellt. Tatsache ist jedoch, daß die Zahl solcher Artikel verschwindend gering ist und dem Selbstanspruch der ID-Bewegung, ein naturwissenschaftliches Forschungsprogramm zu sein, entgegensteht.

Der einzige Artikel, auf den die Verteidigung im Dover-Prozeß hinwies ([21Behe, Michael J.; Snoke, David W. (2004): Simulating evolution by gene duplication of protein features that require multiple amino acid residues, Protein Science 13:2651-2664]), enthält keine Verweise auf nichtreduzierbare Komplexität oder ID. Dieses Versäumnis hat das Discovery Institute nachgeholt und eine kommentierte Liste mit Veröffentlichungen zum Thema ID publiziert ([22]). Diese auf den ersten Blick beeindruckende Liste ist höchst suggestiv und enthält grobe Fehlzuordnungen, was referierte Publikationen angeht. Die meisten der so kategorisierten Veröffentlichungen sind gerade nicht durch das in den Naturwissenschaften übliche Peer-Review-System gegangen, da sie zum großen Teil in den Bereich der philosophischen und wissenschaftstheoretischen Diskussionsbeiträge bzw. der bloßen Kommentare gehören.

Interessanterweise wurde im Dover-Prozeß die einzige referierte Veröffentlichung in einem naturwissenschaftlichen Journal ([23Meyer, Stephen C. (2004): The Origin of Biological Information and the Higher Taxonomic Categories, Proceedings of the Biological Society of Washington 117:213-239]) geflissentlich übergangen. Allerdings hatte es im Vorfeld wegen dieser Publikation große Diskussionen gegeben, in deren Folge der Herausgeber der Zeitschrift die Veröffentlichung als Fehler eingestand. Hinzu kommt, daß das Journal, die Proceedings of the Biological Society of Washington, nicht gerade bedeutend und bekannt ist. Insofern eignet es sich auch nicht gerade als schlagkräftiges Argument.

Das mit der schlechten Publikationslage zusammenhängende Argument, ID könne ebenfalls keine wissenschafliche Forschung oder Überprüfung aufweisen, ist insofern schwierig, als daß ID aus seiner Außenseiterposition gar nicht in der Lage ist, großangelegte Forschung zu betreiben. Andererseits versucht gerade das Discovery Institute, gezielt Forscher an den verschiedenen US-amerikanischen Universitäten zu fördern. Trotzdem hinkt die konkrete Forschung der programmatischen Formulierung der ID-Bewegung momentan deutlich hinterher. Das ist auch den ID-Vertretern bekannt, auch wenn die angeführte Begründung interessant ist:

Because of ID's outstanding success at gaining a cultural hearing, the scientific research part of ID is now lagging behind.

[2Dembski, William A. (2002): Becoming a Disciplined Science: Prospects, Pitfalls, and Reality Check for ID, in: RAPID Conference (Research and Progress in Intelligent Design)], S. 4

Den außerordentliche Erfolg der ID-Bewegung, sich in der (US-amerikanischen) Gesellschaft Gehör zu verschaffen, als Grund für das Fehlen des Forschungsprogramms anzuführen, zeugt von Humor. Auch die von Dembski im Folgenden dargelegten Schritte, diese Mißstände zu beseitigen, zielen mehr auf die Formung einer Bewegung denn auf die Schaffung eines wissenschaftlichen Programms (vgl [2Dembski, William A. (2002): Becoming a Disciplined Science: Prospects, Pitfalls, and Reality Check for ID, in: RAPID Conference (Research and Progress in Intelligent Design)]).

Das Design-Argument ist subjektiv und nicht falsifizierbar.

Unter dem Design-Argument wird die zweckmäßige Anordnung von Teilen verstanden. Die Behauptung der ID-Vertreter ist, daß diese Anordnung nicht ausschließlich auf natürliche Vorgänge (im Rahmen des methodischen Naturalismus der Naturwissenschaften) zurückführbar sei und zur Erklärung die Annahme des Eingriffes eines intelligenten Planers notwendig sei.

Die Problematik entsteht durch die unsaubere Begrifflichkeit: Was ist eine „zweckmäßige Anordnung“? wie viele Teile müssen zweckmäßig angeordnet sein, damit von Design im Sinne des ID-Ansatzes gesprochen werden kann? Jones hat Recht, wenn er in seiner Urteilsbegründung schreibt, die Stärke der Folgerung (daß es sich bei einer gegebenen Struktur um „Design“ handele) sei quantitativ; umso mehr Teile beteiligt sind, umso komplizierter sie miteinander wechselwirken, desto stärker sei das Vertrauen in Planung.

Der Anschein von Planung in verschiedenen Bereichen der Biologie ist überwältigend. Dieser Ansicht schließen sich auch die schärfsten Kritiker des ID-Ansatzes an (u.a. Francis Crick). Behes Argument lautet nun: Da keine andere als eine intelligente Ursache nachweislich fähig ist, einen solch starken Anschein von Planung zu erwecken, ungeachtet der darwinistischen Behauptungen, ist der Schluß, daß die in der lebendigen Welt sichtbare Planung echte Planung ist, rational gerechtfertigt.

Dieses induktive Argument ist, wie Behe selbst zugibt, nicht wissenschaftlich und kann nie ausgeschlossen werden. Der Rückschluß auf Design, der auf einer planvollen Anordnung von Bestandteilen gründet, ist eine vollständig subjektive Sicht, die vom Auge des Betrachters und seinem Standpunkt bezüglich der Komplexität des Systems abhängt. Es gibt keine quantitativen Kriterien, die den Grad von Komplexität oder die Anzahl der Teile bestimmen, die eher für Planung als für natürliche Prozesse sprächen. Hier hilft es auch nicht, daß Dembski mit seinem Konzept der „komplex spezifizierten Information“ und seinem Erklärungsfilter versucht, quantitative Kriterien einzuführen [24Dembski, William A. (1998): The Design Inference: Eliminating Change through Small Probabilities, Cambridge University Press, Cambridge, 25Dembski, William A. (2002): No Free Lunch: Why Specified Complexity Cannot Be Purchased without Intelligence, Rowman and Littlefield, Lanham, MD]. Seine Konzepte werden aus wissenschaftlicher Sicht wegen ihrer zahlreichen Fehler und ihrer Irrelevanz für praktische Problemstellungen zurückgewiesen [26Miller, Kenneth R. (2004): The Flagellum Unspun. The Collapse of "Irreducible Complexity", in Dembski, William A.; Ruse, Michael (Hg.): Debating Design: From Darwin to DNA, Kap. 5, S. 81-97, Cambridge University Press, Cambridge, 27Charlesworth, Brian (2002): Evolution by design?, Nature 418:129, 28Fitelson, Branden; Stephens, Christopher; Sober, Elliot (2001): How Not to Detect Design—Critical Notice: William A. Dembski, The Design Inference, in Pennock, Robert T. (Hg.): Intelligent Design Creationism and its Critics, Kap. 27, S. 597-615, MIT Press, Cambridge, MA, 29Godfrey-Smith, Peter (2001): Information and the Argument from Design, in Pennock, Robert T. (Hg.): Intelligent Design Creationism and its Critics, Kap. 26, S. 575-596, MIT Press, Cambridge, MA, 30Shallit, Jeffrey; Elsberry, Wesley (2004): Playing Games with Probability: Dembski's Complex Specified Information, in Young, Matt; Edis, Taner (Hg.): Why Intelligent Design Fails : A Scientific Critique of the New Creationism, Kap. 9, S. 121-138, Rutgers University Press, New Brunswick]

Resümierend muß man feststellen, daß das Design-Argument als positives Argument für ID nicht den Grundregeln der Naturwissenschaft entspricht, die testbare Hypothesen, gegründet auf natürliche Erklärungen, fordern, da es auf subjektiven Urteilen beruht und daher nur schwer falsifizierbar ist.

ID-Vertreter haben oft ein falsches Verständnis der Evolution und argumentieren fehlerhaft.

Eine wesentliche Komponente der Argumentation für kreationistische Positionen genauso wie für den ID-Ansatz ist eine generalisierte Evolutionskritik: Die Vertreter dieser Positionen weisen auf tatsächlich existierende Lücken im Evolutionsmodell hin, um auf dieser Basis zu argumentieren, daß innerhalb dieses Modells keine befriedigenden Erklärungen für die Entstehung und Komplexität des Lebens gefunden werden könnten. Das ist einmal mehr das schon erwähnte argumentum ad ignorantiam.

Unbestreitbar existieren derartige Lücken innerhalb des Evolutionsparadigmas, genauso wie sie in allen naturwissenschaftlichen Theorien existieren. Das an sich ist noch kein Grund, die Theorien als solche zu verwerfen, sondern grundlegendes Merkmal jedes naturwissenschaftlichen Modells. Eine Theorie, die keine Lücken aufweist, bietet fast keinen Ansatzpunkt für Falsifizierungsversuche und steht in der Gefahr, zu viel und letztlich auch widersprüchliche Positionen erklären zu können. Damit nimmt ihr Erklärungspotential aber deutlich ab.

Ein weiteres Problem in der Auseinandersetzung um die Ursprungsfrage ist, daß die meisten Kritiker des darwinistischen Ansatzes keine ausreichende naturwissenschaftliche Bildung und Vorkenntnis besitzen, so daß längst überholte und falsche Argumente jahrzehntelang weiter verbreitet werden. Einige „klassische“ falsche Argumente aus dem kreationistischen Lager sind z.B. das „Mondstaub-Argument“ oder die Behauptung, die biologische Evolution widerspräche dem Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik. Ersteres findet sich z.B. zusammen mit anderen falschen Argumenten in kaum abgeschwächter Weise in einem (leider) neu aufgelegten Buch im deutschsprachigen Raum [31Stutz, Hansruedi (1996): Die Millionen fehlen. Argumente für eine junge Erde, Schwengeler, Berneck], letzteres gehört zum „Standard-Repertoire“ von Laien-Argumenten für den Kreationismus und gegen das Evolutionsmodell8)

Im hier behandelten Dover-Prozeß spielte das Buch „Of Pandas and People“ [32Davis, Percival; Kenyon, Dean H.; Thaxton, Charles B. (Hg.) (1993 [1989]): Of Pandas and People. The Central Question of Biological Origins, Haughton Publishing Company, Dallas, Texas] eine besondere Rolle, da die Schüler für weitergehende Informationen an dieses Buch verwiesen wurden. Selbst die Experten der Verteidigung gaben zu, daß dieses Buch fehlerhafte Wissenschaft und veraltete Konzepte enthalte. Derartige Vorkommnisse untergraben die Glaubwürdigkeit der ID-Bewegung, egal wie sehr sie sich an anderen Stellen um Wissenschaftlichkeit und Redlichkeit bemühen mag. Eine in gewissem Sinne humorvolle Komponente kommt diesem Buch insofern zu, als daß es als Schulbuch allen anderen Publikationen zu ID vorausging:

The textbook came first, and the „research“ to support it came many years later. Thus, if ID ever does succeed, it will be the first movement in the history of science that began in a high school textbook and then „filtered up“ to acceptance by the scientific research community.

[33]

Obwohl seine Popularität schon lange am Sinken war, erhielt es durch die dem Dover-Prozeß vorausgegangenen Ereignisse und den Prozeß selbst noch einmal ungeahnte Aufmerksamkeit seitens der Medien und der Öffentlichkeit.

Das im deutschen Sprachraum erhältliche Buch „Evolution. Ein kritisches Lehrbuch“ der „Studiengemeinschaft Wort und Wissen“, das gerade in neuer Auflage erschienen ist [34Junker, Reinhard; Scherer, Siegfried (2006): Evolution. Ein kritisches Lehrbuch, Weyel, Gießen] ist didaktisch und vom Anspruch her dem genannten US-amerikanischen Buch deutlich überlegen. Hinzu kommt, daß sich die Studiengemeinschaft Wort und Wissen durch die Betonung von Redlichkeit und wissenschaftlicher Korrektheit auszeichnet und eher zurückhaltend formuliert. 9)

Schlußfolgerung: ID ist nicht naturwissenschaftlich und gehört nicht in den Biologie-Unterricht.

Das Fazit, das Richter Jones aus den dargelegten Argumenten zog, ist zweifach: Die Absichten der ID-Bewegung hält er fest, daß das Ziel dieser Bewegung nicht sei, kritisches Denken zu befördern, sondern eine Revolution zu entfachen, die die Evolutionstheorie durch ID ersetzen soll. Bezüglich der Wissenschaftlichkeit bleibt ihm nur festzustellen, daß ID zwar ein interessantes theologisches Argument sei, aber nicht naturwissenschaftlich.

Die zweifache Antwort der ID-Vertreter

Weder die Argumente noch die Schlußfolgerungen des Dover-Prozesses sind im eigentlichen Sinne neu. Diesem Prozeß kommt aber insofern Bedeutung zu, als daß es der erste Prozeß war, in dem es explizit um ID ging, nicht um Kreationismus in einer seiner zahlreichen Varianten. Da die Argumente nicht neu sind, existierten auch schon vor der Urteilsverkündung Antworten der ID-Vertreter, die hier kurz dargestellt werden sollen.

Die Antwort ist zweifach: Sie besteht zum einen im Versuch nachzuweisen, daß es sich bei ID tatsächlich doch um ein (natur-)wissenschaftliches Forschungsprogramm handelt. Hier tritt besonders Michael Behe hervor. Zum anderen ist es der von Johnson und Dembski vertretene Ansatz, den methodischen Naturalismus der Wissenschaften zu hinterfragen und zu überwinden.

ID ist ein (natur-)wissenschaftliches Forschungsprogramm

Michael J. Behe erscheint als derjenige der prominenten Vertreter von ID, der sich am wenigsten an der programmatischen Diskussion beteiligt und immer die wissenschaftliche Komponente des Ansatzes betont hat. In seiner Antwort auf Kritiker seines Buches „Darwin's Black Box“ geht er auch explizit auf die Frage der Naturwissenschaftlichkeit des ID-Ansatzes ein:

Without getting into the difficult problem of trying to define science, I will just say that I think any explanation which rests wholly on empirical evidence and basic logic deserves the appellation „scientific“. The conclusion of intelligent design in biochemistry rests exclusively on empirical evidence—the structures and functions of the biochemical systems—plus principles of logic. […] No particular tenet of faith is involved. Therefore, I consider design to be a scientific explanation (whether ultimately correct or not).

[1Behe, Michael J. (2001): Reply to My Critics: A Response to Reviews of Darwin's Black Box: The Biochemical Challenge to Evolution, Biology and Philosophy 16:685-709], S. 702

Selbst wenn Behe mit diesen Ausführungen formal Recht haben sollte (was Kritiker zurecht bezweifeln), kann man ihm immer noch entgegnen, daß er die natürliche Selektion als Mechanismus und Erklärung durch das Etikett „Design“ ersetzen will. ID macht gerade keine Aussagen darüber, wie man sich „Design“ mechanistisch vorstellen muß. So gerechtfertigt das sein mag – innerhalb der Naturwissenschaften wird dieser Ersatz eines (wenn auch in seiner Reichweite vielleicht überschätzten) Mechanismus durch einen Nichtmechanismus, ein bloßes Etikett, nie Erfolg haben können.

Insofern ist der Ansatz von Johnson und Dembski, den methodischen Naturalismus als solchen zu kritisieren, durchaus eine logische Konsequenz.

Wider den methodischen Naturalismus der Wissenschaften

In der Einführung zu dem von ihm herausgegebenen Sammelband „Mere Creation. Scienc, Faith & Intelligent Design“ gibt Dembski einen Einblick in seine Argumentation, warum ID den methodischen Naturalismus der Naturwissenschaften durchbrechen müsse. Er beginnt, indem er einmal mehr feststellt, daß eine auf Beobachtung, Objektivität und Wiederholbarkeit begründete Wissenschaft ID von vorneherein methodisch ausschließen muß:

Science, according to the Darwinian establishment, by definition excludes everything except the material and the natural. It follows that all talk of purpose, design and intelligence is barred entry from the start. By defining science as a form of inquiry resticted solely to what can be explained in terms of undirected natural processes, the Darwinian establishment has ruled intelligent design outside of science.

[11Dembski, William A. (Hg.) (1998): Mere Creation : Science, Faith & Intelligent Design, InterVarsity Press, Downers Grove, IL], S. 26

Der eigentliche Schlüssel zum Verständnis dessen, warum die ID-Bewegung mit aller Kraft versucht, ID als wissenschaftlich zu installieren, wird aus den weiteren Ausführungen Dembskis deutlich:

[S]cience is the only universally valid form of knowledge within our culture. This is not to say that scientific knowledge is true or infallible. But within our culture, whatever is purportedly the best scientific account of a given phenomenon demands our immediate and unconditional assent. This is regarded as a matter of intellectual honesty. Thus to consciously resist what is currently the best scientific theory in a given area is, in the words of Richard Dawkins, to be either stupid, wicked or insane.

[11Dembski, William A. (Hg.) (1998): Mere Creation : Science, Faith & Intelligent Design, InterVarsity Press, Downers Grove, IL], S. 26f.

Der Naturwissenschaft kommt in unserer Gesellschaft eine einmalige Autorität zu. Wer der gegenwärtig besten verfügbaren naturwissenschaftlichen Theorie konsequent widerspricht, muß sich (zurecht?) von Richard Dawkins entweder dumm, verrückt oder boshaft bezeichnen lassen. Dembski und mit ihm die ID-Bewegung wollen gerne an dieser gesellschaftlichen Autorität der Wissenschaften Anteil haben. Da sich aus der Konzeption der Naturwissenschaften (dem methodischen Naturalismus) in Kombination mit dieser allumfassenden Autorität eine funktionale Gleichwertigkeit von methodischem und philosophischem Naturalismus fast zwingend ergibt, muß eben der methodische Naturalismus weichen:

[O]nce science is taken as the only universally valid form of knowledge within a culture, it follows that methodological and metaphysical naturalism become functionally equivalent. What needs to be done, therefore, is to break the grip of naturalism in both guises, methodological and metaphysical. And this happens once we realize that it was not empirical evidence but the power of a metaphysical worldview that was all along urging us to adopt methodological naturalism in the first place.

[11Dembski, William A. (Hg.) (1998): Mere Creation : Science, Faith & Intelligent Design, InterVarsity Press, Downers Grove, IL], S. 27

Daß bei diesem Ansatz die Wissenschaftsgemeinde nicht begeistert mitzieht, sondern im Gegenteil ID eher als Bedrohung wahrnimmt, verwundert kaum. Zumal der Erfolg des methodischen Naturalismus unübersehbar und argumentativ nicht widerlegbar ist. Wir leben in einer von den Ergebnissen der modernen Wissenschaft dominierten Welt und profitieren allzu oft unbewußt von ihren Errungenschaften. Insofern wird es der ID-Bewegung trotz US-amerikanischer Verhältnisse, großem Rückhalt in der Bevölkerung und finanzieller Unterstützung mehrerer Institute wie dem Discovery Institute oder dem Institute for Creation Research nicht gelingen, hier grundlegend etwas zu ändern. Und das ist auch gut so.

Genauso falsch ist allerdings das, was man leider allzu häufig bei prominenten Vertretern des Evolutionsmodells beobachten kann: eine praktische Gleichsetzung von methodischem und philosophischem (ontologischem) Naturalismus und die explizite Verneinung der Möglichkeit, daß jenseits der uns empirisch zugänglichen Welt noch eine Realität existieren könnte.

Angefragt: Die Wissenschaftlichkeit des Evolutionsmodells

Auch wenn die Wissenschaftlichkeit des ID-Ansatzes zur Diskussion steht und nicht die des Evolutionsmodells, ist ein Blick auf letztere durchaus angebracht. Denn der zurecht der ID-Bewegung vorgehaltene falsche Dualismus, daß Argumente gegen die Evolution notwendigerweise Argumente für ID seien, gilt genauso andersherum: Daß ID nicht den Kriterien einer Naturwissenschaft entspricht, heißt noch lange nicht, daß deshalb das Evolutionsmodell diesen Kriterien gerecht wird.

Auch das Evolutionsmodell ruht auf unbeweisbaren Annahmen.

Wie jedes Modell ruht auch das Evolutionsmodell auf Annahmen, die nicht wissenschaftlich entscheidbar sind. Diese Tatsache formuliert und in der Öffentlichkeit immer wieder betont zu haben, ist das Verdienst des US-amerikanischen Wissenschaftsphilosophen Michael Ruse, einem prominenten Evolutionsvertreter und vehementen Kritiker kreationistischer Positionen.

Sein besonderes Verdienst ist dabei nicht die Formulierung dieser Position als solcher – jeder, der sich auch nur einführend mit Wissenschaftstheorie befaßt und ein wenig mit den Grundlagen der Erkenntnistheorie vertraut ist, weiß darum –, sondern die Formulierung und Darlegung in einer Form, die es ermöglicht, auf ihn als Referenz zu verweisen. Dazu gehört wesentlich, daß Ruse gerade kein Vertreter christlicher Lehren ist. Im Gegenteil: Er ist bekannt für seine jahrzehntelange Auseinandersetzung mit Vertretern der verschiedenen kreationistischen Positionen.

Erstmalig führte Ruse seine Position in einem Vortrag im Rahmen einer Konferenz der „American Association for the Advancement of Science“ (AAAS) aus [35Ruse, Michael (1993): Nonliteralist Antievolutionism, in: 1993 Annual Meeting of the American Association for the Advancement of Science]. Zehn Jahre später folgte dann ein Essay im angesehen Wissenschafsmagazin „Science“ mit dem provokativen Titel „Is Evolution a Secular Religion?“ [36Ruse, Michael (2003): Is Evolution a Secular Religion?, Science 299:1523-1524] und noch zwei Jahre später dann die umfassende Abhandlung in Buchform [37Ruse, Michael (2005): The Evolution-Creation Struggle, Harvard University PRess, Cambridge, MA].

Die Offenheit, mit der Ruse die weltanschaulichen und philosophischen Grundlagen des Evolutionsmodells benennt und in sein Denken und Argumentieren einbezieht, macht ihn zu einem wertvollen Gesprächspartner in der gesamten Debatte und zu einer Ausnahmeerscheinung.

Das Evolutionsmodell ist logisch schlüssig.

Auch wenn das Evolutionsmodell auf letztlich nicht wissenschaftlich beweisbaren oder zwingend herleitbaren Aussagen beruht, so ist es doch in sich logisch schlüssig. Es liefert auf der Basis rein naturalistischer Erklärungen das schlüssigste und wahrscheinlich konkurrenzlose Erklärungskonzept für die Entstehung des Lebens. Ein gutes Beispiel für die logische Geschlossenheit eines konsequent naturalistischen Evolutionskonzeptes ist [14Dennett, Daniel C. (1995): Darwin's Dangerous Idea : Evolution and the Meaning of Life, Simon and Schuster Paperbacks, New York].

Aber auch Richard Dawkins muß hier genannt werden. Er vertritt ebenso wie Dennett die Extremposition eines konsequent naturalistischen Weltbildes, das der Existenz einer höheren Macht nicht mehr neutral, sondern feindlich gegenübersteht. Er betont an anderer Stelle die Bedeutung des Darwinismus für die intellektuelle Redlichkeit des Atheismus:

[A]lthough atheism might have been logically tenable before Darwin, Darwin made it possible to be an intellectually fulfilled atheist.10)

[38Dawkins, Richard (1996 [1986]): The Blind Watchmaker, Norton, London], S. 6

Die logische Schlüssigkeit des Evolutionsmodells läßt es unwahrscheinlich erscheinen, daß es möglich ist, auf der Basis der Naturwissenschaften und damit gebunden an den methodischen Naturalismus logisch zwingend die Unzulänglichkeit dieses Modells aufzuzeigen.

Man muß zwischen wissenschaftlichen Theorien und globalen Erklärungsansätzen unterscheiden.

Auch wenn es so banal klingt: Wissenschaft und auch Evolutionswissenschaft wird von Menschen gemacht. Deshalb muß auch innerhalb der Evolutionsforschung unterschieden werden zwischen wissenschaftlichen Theorien, die sich direkt auf empirische Daten stützen und aus deren Interpretation entstehen, und globalen, philosophischen Erklärungsansätzen, die versuchen, die einzelnen Theorien in ein Gesamtbild zu vereinen.

Zu den wissenschaftlichen Theorien gehören die fünf grundlegenden Aspekte des darwinistischen Evolutionsmodells11) Aber auch Konzepte wie die Neutrale Evolutionstheorie ([39Kimura, Motoo (1983): The Neutral Theory of Molecular Evolution, Cambridge University Press, Cambridge]), die oben erwähnte Exaptation ([17Gould, Stephen Jay; Vrba, Elisabeth S. (1982): Exaptation—A missing term in the science of form, Paleobiology 8:4-15]) oder Selbstorganisation der Materie als Entstehungsmöglichkeit für Design ([40Kauffman, Stuart (1993): The Origins of Order: Self-Organization and Selection in Evolution, Oxford University Press, New York]) gehören hierher.

Beispiele für die zweite Kategorie, also die globalen philosophischen Erklärungsansätze, die alle einzelnen Theorien zu einem Gesamtbild versuchen zusammenzufügen, sind u.a. [41Monod, Jacques (1971): Zufall und Notwendigkeit, Piper, München], [42Eigen, Manfred (1987): Stufen zum Leben. Die frühe Evolution im Visier der Molekularbiologie, Piper, München] und die Werke zur auf Konrad Lorenz zurückgehenden Evolutionären Erkenntnistheorie von [43Vollmer, Gerhard (1975): Evolutionäre Erkenntnistheorie : angeborene Erkenntnisstrukturen im Kontext von Biologie, Psychologie, Linguistik, Philosophie u. Wissenschaftstheorie, Hirzel, Stuttgart, 44Vollmer, Gerhard (1985): Was können wir wissen?, Hirzel, Stuttgart, 45Vollmer, Gerhard (1986): Was können wir wissen?, Hirzel, Stuttgart]. Aber auch eher an den interessierten Laien gerichtete Werke wie [13Mayr, Ernst (2003): Das ist Evolution, Bertelsmann, M"unchen] zählen hierzu.

Die Werke der letzteren Kategorie zeichnen sich naturgemäß weniger durch stringente wissenschaftliche Argumentation als durch Schlüsse aufgrund der wissenschaftlichen Erkenntnisse aus. Je nach Autor kommt dabei entsprechend stark die persönliche Sicht zum Tragen. Insofern sind diese Bücher nicht als naturwissenschaftliche Literatur, sondern als Literatur von Wissenschaftlern zu verstehen und am ehesten in die Philosophie einzuordnen.

Fazit

Für die gesamte Debatte um die Ursprungsfrage gilt ein Prinzip, das schon in der Bibel im Buch der Sprüche formuliert wird:

Im Recht scheint, wer in seiner Streitsache als erster auftritt,
bis sein Nächster kommt und ihn ausforscht.

Spr. 18,17

Die einzelnen grundlegenden Werke der ID-Bewegung ([8Johnson, Phillip E. (1993 [1991]): Darwin on trial, InterVarsity Press, Downers Grove, 46Behe, Michael J. (1998 [1996]): Darwin's black box: the biochemical challenge to evolution, Simon & Schuster, New York]) jedes für sich genommen sind gut geschrieben und klingen auf den ersten Blick überzeugend. Bei näherer Betrachtung offenbaren sich dann die Lücken, Probleme und Unstimmigkeiten. Und dann geht der ewige Kreislauf von Entgegnung und Erwiderung der Entgegnung los. Da beide Seiten nicht vollkommen objektiv und emotionslos an der Debatte beteiligt sind, wird die Diskussion dann schnell ein Schlagabtausch, da keiner den anderen überzeugen kann und keiner sich vom anderen überzeugen lassen will.

Doch jenseits dieser unschönen Debatten möchte ich zwei Schlußfolgerungen nennen, die sich sachlich begründen lassen, auch wenn sie nicht unumstritten sind.

Erstens: ID ist nicht naturwissenschaftlich. Selbst wenn man die Frage nach der Naturwissenschaftlichkeit von ID anders beantwortet: Dadurch wird es noch nicht zu einer ernstzunehmenden Alternative zum Evolutionsmodell – und das war die Fragestellung des Artikels.

Zweitens: Daß ID keine ernstzunehmende Alternative ist, ist kein Problem für den christlichen Glauben oder für ein Schöpfungsmodell. Wir dürfen nicht aus den Augen verlieren, daß die Naturwissenschaften per se und per definitionem keine letztgültige Antwort auf die Ursprungsfrage geben können. Sicherlich ist es möglich, auch mit den Einschränkungen des methodischen Naturalismus eine Antwort darauf zu geben (eben Evolution). Aber es ist eine unzulässige Beschränkung der Allgemeinheit und eine Kompetenzüberschreitung der Naturwissenschaften, wenn dieser Antwort univerelle Gültigkeit zugesprochen wird.

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1) Tammy Kitzmiller, et al. v. Dover Area School District, et al.; 2005 WL 578974 (MD Pa. 2005); Urteil unter http://www.pamd.uscourts.gov/kitzmiller/kitzmiller_342.pdf
2) „Naturwissenschaft ist eine bestimmte Form von Wissen über die Welt. In den Naturwissenschaften sind Erklärungen beschränkt auf solche, die durch Beobachtungen und Experimente gewonnen wurden und die durch andere Wissenschaftler bestätigt werden können. Erklärungen, die nicht auf empirische Belege gegründet werden können, sind nicht Teil der Naturwissenschaft.“
3) Eine solche Theorie ist im Fall der Verwendung von Hilfsmitteln für die Beobachtung eine sogenannte „Meßtheorie“, die Annahmen trifft und Aussagen darüber macht, wie das Hilfsmittel den Meßvorgang durchführt.
4) „Die gegenwärtige Definition legt den Schwerpunkt darauf, einen Teil eines bereits funktionierenden Systems zu entfernen.“ „Die schwierige Aufgabe angesichts der Darwinistischen Evolution ist aber nicht, Teile ausgeklügelter bereits existierender Systeme zu entfernen, sondern die Einzelteile zusammenzubringen, um ein neues System zum ersten Mal zu erzeugen. Insofern gibt es eine Unausgewogenheit zwischen meiner gegenwärtigen Definition des Begriffs der 'nichtreduzierbaren Komplexität' und der Aufgabe, vor der die natürliche Selektion steht.“
5) Diese These wird in [12Hunter, Cornelius G. (2001): Darwin's God : Evolution and the Problem of Evil, Brazos Press, Grand Rapids, MI] ausgeführt.
6) Da es sich bei der Herkunft komplexer Strukturen um eine historische Fragestellung handelt, bleibt eine gewisse spekulative Komponente immer erhalten.
7) Dieses Szenario ist allerdings sehr hypothetisch und optimistisch, da diese rein molekulargenetische Sicht die Realität des Stoffwechsels in Raum und Zeit in der Zelle außer Acht läßt.
8) Das weiß der Autor aus eigener Erfahrung. Siehe dazu die Kommentare auf diesen Seiten.
9) Trotzdem ist dieses Buch nicht zum Unterricht an deutschen Schulen zugelassen und eignet sich am ehesten, um sich einen Überblick über das Denken der Evolutionskritiker zu verschaffen.
10) „Obwohl Atheismus möglicherweise schon vor Darwin logisch verteidigungsfähig war, hat erst Darwin es ermöglicht ein intellektuell erfüllter Atheist zu sein.“
11) Nach [13Mayr, Ernst (2003): Das ist Evolution, Bertelsmann, M"unchen] sind das (1) die Veränderlichkeit der Arten, (2) die Abstammung aller Lebewesen von gemeinsamen Vorfahren, (3) der allmähliche Ablauf der Evolution, (4) die Vermehrung der Arten und (5) die Natürliche Selektion.
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