Ignoranz gegenüber dem Stand der Forschung

Es ist traurig, aber wahr, daß viele der im Rahmen der evangelikalen Evolutionskritik immer wieder vorgebrachten Argumente alt und längst widerlegt bzw. schlicht überholt sind. Das hängt vermutlich unter anderem mit der mangelnden Qualifikation der Kritiker zusammen. Sicherlich ist es schwierig, in einem Fachgebiet halbwegs einen Überblick über die aktuellen Entwicklungen zu behalten - nahezu unmöglich ist es, wenn man selbst nicht Wissenschaftler bzw. nicht vom Fach ist und nicht unbeschränkt viel Zeit hat. Fatal macht sich hier dann noch die Mentalität bemerkbar, den Fachleuten grundsätzlich mit Mißtrauen zu begegnen, da sie ja nicht die eigene Linie (d.i.: die eigenen Glaubensüberzeugungen) teilen.

Beispiele für derartige Argumente sind u.a.:

  • Zweiter Hauptsatz der Thermodynamik
    Argument: Der Zweite Hauptsatz (Entropiesatz) widerspricht der Möglichkeit einer Evolution (im Sinne einer Entwicklung zu „größerer Ordnung“)

Ein besonders trauriges Beispiel für fast vollständige Ignoranz der aktuellen Forschung ist das Buch „Die Millionen fehlen. Argumente für eine junge Erde“ von Hansruedi Stutz (Schwengeler, Berneck, 1996; 2. Auflage 2005). Hier tauchen u.a. solche Argumente wie das „Mondstaub-Argument“ wieder auf, die seit den 1970er Jahren als widerlegt gelten dürfen. Daß der Schwengelerverlag das Buch 2005 neu aufgelegt hat, zeigt, daß diese Argumente auch gegenwärtig noch einen hohen Stellenwert in evangelikalen Kreisen haben.

Eine Argumentationslinie, die aufgrund ihres Alters nur bei älteren heute noch anzutreffen ist, gründet auf dem Werk „Die Sintflut“ von Whitcomb und Morris (aus den 1960er Jahren). Dieses Buch war der erste Versuch, vor evangelikalem Hintergrund die Sintflut fachlich zu beschreiben und zu begründen. Beide Autoren haben dabei einen Ingenieurshintergrund und gehen überwiegend von hydrologischen Aspekten aus und lassen die naturwissenschaftlichen Fragestellungen (Fossilien und deren Verteilung etc.) weitgehend außen vor.

Zu dieser Ignoranz gegenüber dem aktuellen Stand der Forschung kommt ferner hinzu, daß insbesondere die gegenwärtig von der „Intelligent Design“-Bewegung wieder vorgebrachten Argumente der Art: „Es gibt keine innerweltliche Erklärung für XY“1), logisch nicht tragfähig sind (argumentum ad ignorantiam). Das Wesen der Naturwissenschaften besteht ja gerade darin, innerweltliche Erklärungen auf Fragestellungen zu finden, und das gelingt ihr erstaunlich gut. Will man diese Erklärungen kritisieren, ist das kein Problem, erfordert allerdings vom Kritiker, daß er sich in die Thematik einarbeitet und sich so befähigt, auf der gleichen Wissensebene zu argumentieren und gegebenenfalls zu widerlegen.

1) Letztlich ist das Buch „Darwins Black Box“ von Michael Behe, einem der Begründer bzw. Hauptakteure der ID-Bewegung, in weiten Teilen ein solches „argumentum ad ignorantiam“, versucht er doch aufzuzeigen, daß die Wissenschaft bis zum Verfassen dieses Buches (1996 veröffentlicht) seiner Ansicht nach keine Erklärungen für die Entstehung biochemischer Strukturen in der lebenden Zelle geliefert habe.
schwierigkeiten/ignoranz.txt · Zuletzt geändert: 2010/11/13 16:18 (Externe Bearbeitung)