Lückenbüßer-Gott

Ein wesentliches Problem der evangelikalen Evolutionskritik ist die Fokussierung auf die (tatsächlichen und/oder vermeintlichen) Lücken und Schwächen des naturwissenschaftlichen Evolutionsmodells, anstatt ein selbständiges Forschungsprogramm vorzuweisen. Zwar gibt es zuweilen Ansätze eines kreationistischen Forschungsprogrammes. Der häufig angefügte Hinweis, daß mangels geeigneten Personals schnelle Fortschritte auf diesem Gebiet nicht zu erwarten seien, erweist sich allerdings als wenig tragfähig.

Tatsächlich sieht sich die Evolutionskritik mit dem Problem konfrontiert, daß die Naturwissenschaften mit ihrem grundlegend naturalistischen Ansatz immens erfolgreich sind, auch hinsichtlich der Klärung der Fragen bezüglich des Ursprunges und der Entwicklung des Lebens. Insofern tritt ein Forschungsprogramm, das die Entstehung des Lebens allein durch supranaturale Faktoren letztgültig erklärbar wähnt, gegen eine starke Konkurrenz an und muß ständig damit kämpfen, daß die viel weiter akzeptierte Sicht zudem noch eleganter ist und mit weniger Unbekannten auskommt.

Selbstverständlich gibt es im Evolutionsmodell Lücken und Schwächen, das ist aber gerade das Wesen naturwissenschaftlicher Modelle, Theorien und Erklärungsansätze. Genauso dazu gehört der wissenschaftliche Diskurs dieser Modelle, der teilweise durchaus emotional und hart ausgefochten wird. Trotzdem läßt sich der große Erfolg der Darwinschen Ideen ebenso wenig wegdiskutieren wie die Tatsache, daß noch zu jeder Schwäche oder Lücke über kurz oder lang Ideen und Theorien aufgetaucht sind, die das Problem innerhalb der Wissenschaft - also insbesondere durch Rückgriff auf rein innerweltliche Erklärungen und Ursachen - erklären.

Aus dieser Sicht ist der Raum für einen Gott, der die nicht innerweltlich erklärbaren Phänomene erklärt, sehr klein und wird immer wieder weiter hinausgeschoben. Lediglich die Probleme und Grenzen des aktuellen Evolutionsmodells als Raum für göttliche Intervention zu sehen, ist die klassische Formulierung eines „Lückenbüßer-Gottes“. 1)

Die einzige Möglichkeit, dem Problem des „Lückenbüßer-Gottes“ zu entgehen, wäre, große Teile der wissenschaftlichen Erkenntnis einfach nicht anzuerkennen und als unwahr zu betrachten. Solche Ansichten gibt es tatsächlich, mit einem deutlich spürbaren Hang zu den gängigen Verschwörungstheorien, sie sind aber nicht als konstruktive Beiträge für eine Diskussion ernstnehmbar.

1) Ein solcher Gott taugt aber ehrlicherweise nicht als vernünftiges Gotteskonzept, schon gar nicht vor dem Hintergrund des majestätischen Gottesbildes, das die Bibel aufzeichnet.
schwierigkeiten/lueckenbuessergott.txt · Zuletzt geändert: 2010/11/13 16:18 (Externe Bearbeitung)