Mangelnde Qualifikation

Der zunächst sehr grob klingende Vorwurf, den Kritikern des Evolutionsmodells mangele es an der erforderlichen Qualifikation, soll anhand zweier unterschiedlicher Aspekte im folgenden etwas weiter ausgeführt werden:

  • Unwissenheit ob der Konsequenz und Reichweite der aufgestellten Behauptungen
  • fehlende persönliche wissenschaftliche Qualifikation der Kritiker

Auf diesem Weg hoffe ich, die Aussage objektivieren und erklären zu können. Aus eigener Erfahrung ist mir bekannt, daß auch auf Seiten der (ernsthaften) Evolutionskritiker nicht wenig Zeit darin investiert wird, falsche Argumente aus den „eigenen Reihen“ zu korrigieren. Trotzdem bin ich der Ansicht, daß die hier genannte Kritik auch auf viele ernsthafte Evolutionskritiker, zumindest an der einen oder anderen Stelle, zutrifft.1)

Konsequenz und Reichweite der aufgestellten Behauptungen

Die Aussagen, die im Rahmen einer (mehr oder weniger fundamentalen) Evolutionskritik getroffen werden, berühren meist einen weiten Bereich verschiedener Fachbereiche, angefangen von den konkreten biologischen Fragestellungen bis weit in die Philosophie (insbesondere wenn es um den Charakter der (Natur-)Wissenschaften oder die logische Struktur von Argumenten geht).

Häufig sind sich die Kritiker der Tragweite und Grundlage ihrer Argumentation nicht bewußt. Ein Beispiel: Zur Beantwortung der Frage, inwieweit „Intelligent Design“ wissenschaftlich ist oder nicht, ist ein klares Verständnis des Begriffs „wissenschaftlich“ und eine Vorstellung des Wesens der Naturwissenschaften notwendig. Wer sich mit dieser Thematik beschäftigt, sieht schnell, daß einfache Antworten fast nicht möglich sind und die Frage bis tief in die Philosophie reicht. Ohne zumindest grundlegende Kenntnisse der popperschen Wissenschaftstheorie, ihres Hintergrundes im logischen Positivismus und der neueren Entwicklungen, die u.a. mit Namen wie Kuhn, Lakatos, Hacking und Feyerabend verknüpft sind, ist eine Diskussion der Thematik nicht möglich.

Ein weiteres Beispiel ist die Bewertung der Darwinschen Evolutionstheorien: Nur wer sich die Mühe macht, ein wenig in das Umfeld Darwins einzutauchen, sich mit den damals vorherrschenden Ideen und dem von der Theologie beherrschten Universitätssystem ansatzweise vertraut zu machen, dem wird es gelingen, eine Idee zu bekommen, wie Darwin auf seine Ideen kam und was sie damals bedeuteten. Darüber hinaus liefert eine Beschäftigung mit der Person Darwins interessante Aufschlüsse über seine (sehr vorsichtige und akribische) Arbeitsweise, die dann wieder im Umkehrschluß auf die Fundiertheit seiner Theorien hinweisen.

Auf der anderen Seite kann man viele Evolutionskritiker auf ihrem „ureigenen“ Gebiet, der Theologie, „schlagen“: Die wenigsten Vertreter aus dem evangelikalen Spektrum machen sich wirklich Gedanken darüber, was die Konsequenzen ihres Schriftverständnisses sind, wo es herkommt und inwieweit es seinem Selbstanspruch als einzig wahrer Herangehensweise gerecht werden kann, einmal ganz abgesehen von den Schwierigkeiten, die dem menschlichen Ausleger aus der Formulierung des Schriftverständnisses (gemeint ist das in den Chicago-Erklärungen festgehaltene Schriftverständnis) erwachsen.

Zur Frage der Grundlagen des evangelikalen Schriftverständnisses vgl. den Essay "Das, was gesagt ist" - Überlegungen zu den Grundlagen der Hermeneutik, der versucht, sich den Grundlagen der Hermeneutik anzunehmen und einige der grundlegenden Fragen, die man beantworten sollte, benennt.

fehlende persönliche wissenschaftliche Qualifikation

Wissenschaftliche Qualifikation hat meines Erachtens mindestens zwei Aspekte: zum einen den rein fachlichen Aspekt des Überblicks über und der Kenntnis des eigenen Fachgebietes, zum anderen aber auch den Einblick in das Wesen der Naturwissenschaften, ihrer Komplexität, und daraus resultierend eine entsprechende Zurückhaltung, was Aussagen auf persönlich fachfremdem Terrain angeht.

  • „Schuster, bleib bei deinem Leisten“, bzw. Sokrates: „Ich weiß, daß ich nichts weiß“
    Nur weil das Thema von allgemeinem Interesse ist, heißt das noch lange nicht, daß jeder qualifiziert mitreden kann. Eine solche Sicht ist pure Selbstüberschätzung.
  • Auch ein akademischer Titel macht seinen Träger noch nicht zum Fachmann für ein spezifisches Problem. Er kann aber dazu führen, daß der Titelträger eine Idee von der Komplexität und Dimension wissenschaftlicher Probleme hat und entsprechend vorsichtig mit Aussagen ist, die nicht sein unmittelbares Fachgebiet betreffen.
  • Die wenigsten Kritiker des Evolutionsmodells sind Naturwissenschaftler, und diejenigen, die Naturwissenschaftler sind, sind nicht notwendigerweise Fachleute für das Gebiet, das sie kritisieren.
  • Tatsächlich ist die Zahl der (durch Publikationen hervorgetretene) Ingenieure innerhalb der (deutschsprachigen) Evolutionskritiker relativ hoch. Ingenieurswesen und Naturwissenschaften sind aber zwei grundsätzlich verschiedene Disziplinen, weshalb ein Ingenieur (auch mit Doktortitel) erst einmal nicht die Qualifikation für fachliche Auseinandersetzung innerhalb der (Natur-)Wissenschaften mitbringt.

Die Folge: keine konstruktive Diskussionsebene

Die beschriebene mangelnde Qualifikation vieler Evolutionskritiker führt dazu, daß meist keine konstruktive Diskussionsebene möglich ist. Das Problem ist häufig, daß die Kritiker vermeintlich mit mehr Wissen als ihre Gesprächspartner (in aller Regel Nichtwissenschaftler, zumindest keine Fachleute für die entsprechende Problematik) daherkommen. Allerdings gibt es sehr wenige Kritiker, die einer ergebnisoffenen, nüchternen wissenschaftlichen Diskussion nicht nur offen, sondern auch fachlich gewachsen sind - und diese dann auch noch als sinnvoll ansehen2).

Zu weiteren (fachlichen bzw. wissenschaftstheoretischen) Aspekten der Schwierigkeit des Dialoges zwischen den Evolutionskritikern und Wissenschaftlern vgl. den Essay Evangelikale Evolutionskritik und Evolutionsbiologie sind wechselseitig nicht dialogfähig.

1) Das schließt auch mit ein, daß ich mich selbst in keiner Weise als Experten auf den Gebiet der Evolution oder auch nur der hier behandelten spezifischen Form der Evolutionskritik bezeichnen möchte. Dazu fehlt mir aus eigener Sicht der für einen Experten notwendige umfassende Überblick über die Thematik in ihrer ganzen Breite.
2) Meist ergibt sich die Bedeutung einer „Evolutionskritik“ ja gerade aus dem persönlichen Glaubensbild, das mit der Wissenschaft kollidiert.
schwierigkeiten/qualifikation.txt · Zuletzt geändert: 2010/11/13 16:18 (Externe Bearbeitung)