Argumente gegen die Evolution

Es gibt eine ganze Reihe immer wieder gegen die Evolution vorgebrachter Argumente, manche davon besser, andere schlechter. An der wissenschaftlichen Faktizität der Evolution und der Bedeutung des Evolutionsgedankens für die Wissenschaft ändert das aber nichts.

Die gerade aus evangelikaler Sicht immer wieder vorgebrachten und hier dargestellten Argumente gegen die Evolution lassen sich im Wesentlichen in drei Kategorien einteilen:

  1. Probleme des Evolutionsmodells1)
  2. theologische Argumente
  3. wissenschaftstheoretische Argumente

Im Folgenden werden die Argumente entsprechend dieser Kategorien sortiert präsentiert. Die Liste der Argumente und ihre Darstellung erhebt dabei keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit.

"Probleme" des Evolutionsmodells

Als „Probleme“ des Evolutionsmodells werden Aspekte betrachtet, für die es keine einfachen Erklärungen gibt, die teilweise auch innerhalb der Wissenschaft umstritten sind und die zuweilen dem „gesunden Menschenverstand“ bzw. der Intuition (oder dem, was vom spezifischen Kritiker darunter verstanden wird) widersprechen. Auf die folgenden Aspekte soll im weiteren näher eingegangen werden:

All den hier genannten Einsprüchen gegen die Möglichkeit einer Evolution können wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse entgegengestellt oder zumindest doch die Unhaltbarkeit der Behauptungen der Kritiker aufgezeigt werden. So implizieren gerade die Argumente der Struktur „es gibt nicht“ (Herkunft der Information, Chiralität) ein argumentum ad ignorantiam und sind damit schlicht ein logischer Fehlschluß.

Der wesentliche Unterschied in der Wahrnehmung der Lücken in den bisherigen Erklärungen innerhalb des Evolutionsparadigmas, der zwischen Evolutionskritikern und den meisten Wissenschaftlern besteht, ist die Konsequenz, die daraus gezogen wird:

Although many major questions in evolutionary biology remain unanswered, no credible scientist denies evolution as “a fact.” Yet, many scientists continue to explore and debate precisely how the mechanisms of evolution work.2)

Kutschera, Ulrich und Niklas, Karl J (2004): The modern theory of biological evolution: an expanded synthesis, Naturwissenschaften 91:255

Die offenen Fragen werden keinesfalls von Seiten „der Wissenschaft“ geleugnet, aber als Herausforderung für die weitere Forschung verstanden. Die Kritiker dagegen nehmen diese offenen Fragen zum Anlaß, das ganze Evolutionsparadigma (inklusive der gemeinsamen Abstammung) über Bord zu werfen.3)

Theologische Argumente

Eine zweite „Klasse“ von Argumenten, die häufig gegen die Evolution in Stellung gebracht werden, sind die „theologischen“ Argumente. Sie gründen ganz wesentlich auf dem evangelikalen Glaubens- und Schriftverständnis. Das bedeutet, daß sie in weiten Teilen von den Amtskirchen4) nicht geteilt werden. Hierzu zählen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

  • zeitlicher Rahmen
    Kosmos- und Menschheitsgeschichte sind in der Schilderung der biblischen Urgeschichte miteinander verbunden.
  • Reihenfolge der Entstehung
    Die evolutionäre Entstehung und die Reihenfolge der Schöpfungstage harmonieren nicht.
  • Rolle des Todes
    Der Tod spielt im Rahmen der Evolution eine grundlegend andere (positive, schöpferische) Rolle als in der Bibel (Strafe, göttliches Gericht).

Als „theologische“ Argumente haben sie keine große Bedeutung für den naturwissenschaftlichen Diskurs, ihre Diskussion gehört in den Bereich der Theologie5).

Wissenschaftstheoretische Argumente

Ein zwar auch in der US-amerikanischen Auseinandersetzung vorkommender, aber insbesondere in der deutschen evolutionskritischen Szene betonter Argumentationsstrang ist die Auseinandersetzung mit wissenschaftstheoretischen Aspekten.

Im Zentrum der Argumentation steht dabei, daß die Evolutionsforschung per se eine historische Disziplin (im Gegensatz zu einer empirischen) sei und daher grundsätzlich nicht auf Fakten, sondern auf Annahmen und Deutungen beruhe. Gerade bei den diesen Deutungen zugrundeliegenden Grundannahmen käme aber eine Vorentscheidung (zwischen einem göttlichen und einem naturalistischen Ursprung der Welt) ins Spiel, der wissenschaftlich nicht auflösbar oder entscheidbar sei.

Dazu bleibt anzumerken, daß die (etwas überspitzte) Aussage, bei der Evolutionsforschung handele es sich um eine rein historische Wissenschaft, schlicht falsch ist. Die Evolutionsforschung wäre ohne eine umfassende Grundlage in allen anderen empirischen Teildisziplinen der Biologie nicht möglich.6)

Ein zweiter Argumentationsstrang versucht, den (zumindest methodischen) Naturalismus als philosophische Basis der Naturwissenschaften zu diskreditieren und zu einer Neudefinition der Naturwissenschaften zu gelangen, die letztlich auch göttliche Intervention als Erklärungsmodell innerhalb der Naturwissenschaften verankern will.

Hier kann dieser Ansicht nur in Kürze entgegengestellt werden, daß sich die Naturwissenschaften mit Gesetzmäßigkeiten beschäftigen. Manifestierte sich ein Handeln Gottes in einem vollkommen verläßlichen, experimentell jederzeit überprüfbaren Ursache-Wirkungs-Zusammenhang, wäre sein Handeln von einer rein innerweltlichen Ursache nicht unterscheidbar. Damit wäre aber auch die Annahme eines Gottes aus wissenschaftlicher Perspektive unnötig, da nicht zur Erklärung beitragend und diese unnötig verkomplizierend.

Auf dieser Basis (Evolutionsforschung als historische Wissenschaft, vermeintlich philosophischer Naturalismus der Naturwissenschaften) wird dann der Evolutionsforschung eine biblisch motivierte „Schöpfungsforschung“ gegenübergestellt, die sich – zumindest im Fall der in Deutschland einzigen ernsthaften diesbezüglichen Gruppierung, der Studiengemeinschaft Wort und Wissen7) – einer wörtlichen Auslegung der Bibel und einem kurzen Erdalter sowie der Erkennbarkeit des Schöpfungshandelns Gottes in der Natur verpflichtet sieht.

1) Inwieweit es sich hierbei um tatsächliche oder vermeintliche Probleme des Evolutionsmodells handelt, sei vorerst einmal dahingestellt. Sicherlich hat jede wissenschaftliche Theorie ihre Schwächen. Allerdings sollten diese innerhalb der Wissenschaft diskutiert und nicht als Ansatzpunkt genutzt werden, letztlich die gesamte Wissenschaft zugunsten religiöser Vorstellungen aushebeln zu wollen.
2) Frei übersetzt: „Obwohl viele wichtige Fragen der Evolutionsbiologie noch unbewantwortet sind, zweifelt kein ernsthafter Wissenschaft daran, daß Evolution „eine Tatsache“ ist. Dennoch sind viele Wissenschaftler nach wie vor damit beschäftigt, die genauen Mechanismen der Evolution im Detail zu untersuchen und darüber zu debattieren.
3) Interessanterweise scheint das den offiziellen Stellungnahmen nach nicht oder nicht durchgehend für die „Intelligent Design“-Bewegung zuzutreffen. So kritisiert Michael Behe explizit die Theorie der Natürlichen Selektion, aber nicht die gemeinsame Abstammung aller Lebewesen.
4) Der Begriff „Amtskirchen“ bezieht sich auf die katholische Kirche und die evangelischen Landeskirchen als die beiden bedeutsamen organisatorischen Einheiten im deutschen Sprachraum.
5) Das soll die Theologie als Wissenschaft keineswegs abwerten. Allerdings sind Naturwissenschaften und Theologie zwei, wenn auch nicht notwendigerweise vollständig getrennte, so doch deutlich unterschiedliche Bereiche der Wissenschaft.
6) Dieses Prinzip gilt im Übrigen schon für Darwins Formulierung seiner Evolutionstheorie: Was gerne in gewissen Kreisen übersehen wird, ist seine Akribie und die Gründung seiner Schlußfolgerungen auf ihm zugängliche, über Jahrzehnte von unzähligen Freunden und Kollegen erarbeitete empirische Erkenntnisse. Dieser Aspekt wird u.a. sehr gut in der Darwin-Biographie von Guido Braem herausgearbeitet (J. Braem: Charles Darwin. Eine Biografie. Wilhelm Fink, München 2009).
7) Für weitere Details zur „SG Wort und Wissen“ vgl. deren Internetpräsenz, http://www.wort-und-wissen.de/
argumente/index.txt · Zuletzt geändert: 2011/10/15 14:54 (Externe Bearbeitung)