Schriftverständnis

Ein zentraler Aspekt des evangelikalen Schriftverständnisses ist, die Bibel als Gottes Wort an die Menschen, die alleinige Glaubensgrundlage und als Autorität in allen Fragen des Lebens zu betrachten.

Eine ausführliche Darstellung des evangelikalen Schriftverständnisses, wie es von vielen Freikirchen in Deutschland geteilt wird, ist die sogenannte „Chicago-Erklärung zur Irrtumslosigkeit der Bibel“. Begriffe wie „Unfehlbarkeit“ und „Irrtumslosigkeit“ der Schrift sowie „Verbalinspiration“ nehmen eine zentrale Rolle ein.

Im Wesentlichen wenden sich die „Chicago-Erklärungen“ gegen die wissenschaftliche Bibelkritik (historisch-kritische Methode) und deren Ergebnisse, wie sie in weiten Teilen heute Grundlage der Theologie an den universitären Fakultäten sind.

Für eine kritische Betrachtung des evangelikalen Schriftverständnisses und insbesondere seiner Voraussetzungen vgl. den Essay "Das, was gesagt ist" - Überlegungen zu den Grundlagen der Hermeneutik.

Unfehlbarkeit und Irrtumslosigkeit der Schrift

Nach dem in den „Chicago-Erklärungen“ dokumentierten Verständnis ist die Bibel direkt Gottes Wort an die Menschen. „Unfehlbarkeit“ und „Irrtumslosigkeit“ bedeuten in diesem Kontext, daß alle Aussagen der Bibel richtig sind, also auch z.B. Aussagen, die in den Bereich der modernen Naturwissenschaften hineinreichen (oder von evangelikalen Bibelauslegern so verstanden werden).

Verbalinspiration

Die Bibel enthält nicht nur Gottes Wort (neben menschlichen Beiträgen), sondern sie ist, so wie wir sie in Händen halten, Gottes Wort an uns Menschen. Im strengen Sinne bezieht sich diese „Verbalinspiration“ natürlich nur auf den Urtext, allerdings kann man durch die Ergebnisse der Textkritik der letzten zweihundert Jahre davon ausgehen, daß zumindest der heute vorliegende griechische Grundtext des Neuen Testamentes mit dem „Urtext“ bis auf unbedeutende Abweichungen übereinstimmt.

Die Theorie der Verbalinspiration, wie sie in den Chicago-Erklärungen vertreten wird, degradiert die Autoren der einzelnen biblischen Bücher nicht zu reinen „Automaten“, die lediglich - teilweise ohne Verständnis dessen, was sie da tun - aufschrieben, was Gott ihnen zu schreiben vorgab. Stattdessen berücksichtigt sie durchaus die persönlichen Eigenheiten der Schreiber, die sich in den Texten zumindest teilweise wiederspiegelt.

Zwei Passagen des Neuen Testamentes werden normalerweise für die Bestätigung der Lehre der Verbalinspiration herangezogen:

Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes vollkommen sei, zu jedem guten Werk völlig zugerüstet.

2Tim 3,16-17 (Revidierte Elberfelder Übersetzung)

Denn niemals wurde eine Weissagung durch den Willen eines Menschen hervorgebracht, sondern von Gott her redeten Menschen, getrieben vom Heiligen Geist.

2Petr 1,21 (Revidierte Elberfelder Übersetzung)

Aus der Aussage, die Bibel sei „Gottes offenbartes Wort und Weisung an uns Menschen“, leitet sich dann auch ihre Autorität ab, auf die im nächsten Abschnitt noch eingegangen werden soll.

Alleinige Autorität in allen Fragen des Lebens

„Sola scriptura“ - dieser Grundsatz der Reformation steckt hinter der Sichtweise, die Bibel sei die alleinige Autorität bezüglich aller Fragen des Lebens. Dabei wird häufig mit Aussagen der Bibel argumentiert1), u.a.:

Dieses Buch des Gesetzes soll nicht von deinem Mund weichen, und du sollst Tag und Nacht darüber nachsinnen, damit du darauf achtest, nach alledem zu handeln, was darin geschrieben ist; denn dann wirst du auf deinen Wegen zum Ziel gelangen, und dann wirst du Erfolg haben.

Josua 1,8 (Revidierte Elberfelder Übersetzung)

Glücklich der Mann, der nicht folgt dem Rat der Gottlosen, den Weg der Sünder nicht betritt und nicht im Kreis der Spötter sitzt, sondern seine Lust hat am Gesetz des HERRN und über sein Gesetz sinnt Tag und Nacht!

Psalm 1,1-2 (Revidierte Elberfelder Übersetzung)

Offensichtliche Probleme, die aus diesem Ansatz entstehen, wie die Tatsache, daß die Bibel zu einigen Aspekten unseres Lebens schweigt2), werden häufig entweder ignoriert oder damit wegerklärt, daß diese Aspekte für die Frage nach dem Heil irrelevant seien und deshalb unwichtig.

Literatur

Eine deutsche Übersetzung der „Chicago-Erklärung zur Irrtumslosigkeit der Bibel“ bzw. aller drei Chicago-Erklärungen findet sich im Netz:

1) Die Argumentation mit Aussagen der Bibel, um ihre alleinige Autorität etc. zu belegen, zeigt die Selbstkonsistenz und innere Geschlossenheit dieses Ansatzes genauso wie seine logische Beschränktheit (im Sinne von Einschränkung), da wenige oder keine unabhängigen Argumente verwendet werden.
2) höchstwahrscheinlich einfach deshalb, weil sie zur Entstehungszeit der Bibel einfach keine Rolle spielten bzw. noch nicht existent waren
evangelikales/schriftverstaendnis.txt · Zuletzt geändert: 2010/11/13 16:18 (Externe Bearbeitung)