Datierung: Das Alter der Erde

Das Alter der Erde und die Frage der Datierung spielen in weiten Teilen der (evangelikalen) Evolutionskritik eine wesentliche Rolle. Letztlich lassen sich anhand ihrer Position zur Frage der Datierung zwei große Strömungen unterscheiden:

  • Langzeit-Kreationismus
    Vertreter dieser Ansicht gehen davon aus, daß Gott geschaffen hat, haben aber meist kein Problem mit der Ansicht, er habe sich dazu der Prozesse der Evolution bedient. Hinsichtlich des Alters der Erde sehen sie keinen Widerspruch zu den Ergebnissen der Wissenschaft. Weite Teile der christlichen Kirchen, sowohl die katholische als auch die meisten protestantischen, sind wohl dieser „Strömung“ zuzuordnen.
  • Kurzzeit-Kreationismus
    Vertreter dieser Ansicht halten an einer wörtlichen Interpretation der gesamten Bibel und insbesondere an einer naturgeschichtlich relevanten Beschreibung in 1.Mose fest. Daraus ergeben sich für Vertreter dieser Ansicht u.a. als Konsequenzen eine notwendige Verknüpfung der Menschheits- mit der Erdgeschichte, meist die Betonung des Todes als Gerichtshandeln Gottes, nicht als kreativer oder natürlicher Prozeß, und – in Verbindung mit den Genealogien aus 1.Mose – ein Erdalter von maximal ca. 10.000 Jahren. Diese Ansicht wird normalerweise kurz einfach nur als Kreationismus bezeichnet.
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Die überwiegende Zahl der öffentlich auftretenden bzw. die innergemeindliche Lehre dominierenden Evolutionskritiker der evangelikalen Szene sind dem Kurzzeit-Kreationismus zuzurechnen oder stehen ihm zumindest nahe.1) Unter den Vertretern der ID-Bewegung gibt es sowohl Vertreter eines Kurzzeit- als auch eines Langzeit-Kreationismus. Das Einschwenken großer Teile der deutschen evangelikalen Szene auf die „ID-Schiene“ macht die Situation unübersichtlicher, in der öffentlichen Wahrnehmung wird ID meist mit Kreationismus gleichgesetzt, was aber streng genommen nicht ganz richtig ist.

Die theologischen Gründe für einen Kurzzeit-Kreationismus werden an anderer Stelle bereits ausführlicher dargestellt. Tatsächlich handelt es sich bei der Frage der Datierung, insbesondere im Hinblick auf die sogenannte "radiometrischen Datierungsmethoden", um das Gebiet der Evolutionskritik, das wissenschaftlich am schwächsten dasteht. Diese Tatsache wird redlicherweise von Junker/Scherer in ihrem evolutionskritischen Lehrbuch2) beim Namen genannt:

Gegen die Vorstellungen von Kurzzeit-Schöpfungslehren stehen auch die radiometrischen Altersbestimmungen. Zahlreiche Befunde der Geochronologie sprechen dafür, dass es in der Erdvergangenheit einen umfangreichen radioaktiven Zerfall gegeben hat. Unter Zugrundelegung heutiger Zufallsraten müssen dafür einige Milliarden Jahre veranschlagt werden. Solche Befunde haben zu Ermittlung des Erdalters von ca. 4,6 Milliarden Jahren geführt. Ein Team amerikanischer Wissenschaftler hat im Jahr 2005 die Ergebnisse einer Studie vorgestellt, wonach es Hinweise auf einen früher in großem Ausmaß beschleunigten radioaktiven Zerfall gegeben habe (Vardiman et al. 2005)3), was zu wesentlich geringeren Altern führen würde. Die mit dieser Annahme verbundenen ungelösten Probleme werden von den Autoren diskutiert. Diese komplexe Problematik kann in diesem Buch nicht angemessen diskutiert werden, es soll jedoch kein Zweifel daran gelassen werden, dass eine insgesamt befriedigende, naturwissenschaftliche Lösung des Altersproblems für Kurzzeit-Schöpfungslehren derzeit nicht vorliegt.

Junker/Scherer, a.a.O., S. 294f.

Im Übrigen ist diese Passage die einzige, die sich im ganzen Buch (in seiner hier zitierten 6. Auflage) zu dieser Thematik der Datierung finden läßt. Andere, populärer und mit einer deutlich weiteren Zielgruppe geschriebene Bücher4) sind in dieser Hinsicht leider weit weniger rühmlich in ihrer Redlichkeit.

Wissenschaftliche Datierung des Erdalters

Zur Datierung des Erdalters bedient man sich der radiometrischen Datierungsmethoden, die auf der Messung der Verhältnisse verschiedener Isotope zueinander beruhen, die durch radioaktiven Zerfall entstehen. Das durch diese Methodik bestimmte und innerhalb der Wissenschaften (und darüber hinaus) weithin anerkannte Alter der Erde beträgt ca. 4.55 Milliarden Jahre:

Within experimental error, meteorites have one age as determined by three independent radiometric methods. The most accurate method (Pb207/Pb206) gives an age of 4.55 ± 0.07 x 109 yr. Using certain assumptions which are apparently justified, one can define the isotopic evolution of lead for any meteoritic body. It is found that earth leed meets the requirements of this definition. It is therefore believed that the age for the earth is the same as for meteorites. This is the time since the earth attained its present mass.

Claire Patterson (1956): Age of Meteorites and the Earth. Geochimica et Cosmochimica Acta 10, 230-237, Summary

Eine sehr gute, allgemeinverständliche und deutschsprachige Einführung in diese Thematik liefert Waschke (s.u. unter „Links“). Dieser Artikel zitiert seinerseits einschlägige Fachliteratur. Der interessierte Leser sei darüber hinaus auf die unten aufgeführte Originalliteratur verwiesen.

Literatur (mit Links)

einführend und verständlich:

wissenschaftliche Fachartikel:

  • C. Patterson, G. Tilton, and M. Inghram (1955) Age of the Earth. Science 121, 69-75 DOI-Link
  • Patterson C. (1956) Age of meteorites and the Earth. Geochimica et Cosmochimica Acta 10, 230-237 PDF-Dokument
  • Claude J. Allègre, Gérard Manhès and Christa Göpel (1995) The age of the Earth. Geochimica et Cosmochimica Acta 59, 1445-1456 DOI-Link
  • S. A. Wilde, J. W. Valley, W. H. Peck, C. M. Graham (2001) Evidence from detrital zircons for the existence of continental crust and oceans on the Earth 4.4 Gyr ago. Nature 409, 175-178. PDF-Dokument

wissenschaftliche Fachbücher:

  • Alan P. Dickin: Radiogenic Isotope Geology. Cambridge University Press, Cambridge, 1995 (2nd Edition 2005).

Kreationistische Kritik an der wissenschaftlichen Datierung

Neben einer grundlegenden, theologisch motivierten Ablehnung eines hohen Erdalters, die sich durch die einschlägige kreationistische Literatur durchzieht, gibt es in zunehmendem Maße von kreationistischer Seite aus Kritik an der wissenschaftlichen Datierung des Erdalters und den ihr zugrundeliegenden Methoden.

Eine zentrale Stoßrichtung dieser vorgebrachten Kritik ist die Verneinung der Gültigkeit des Aktualismus bzw. Uniformitarianismus und die Behauptung, die Geschwindigkeit des radioaktiven Zerfalls habe in der Vergangenheit starken Schwankungen unterlegen (Vardiman et al., 2004).

Literatur & Links

Fachbücher:

  • Larry Vardiman, Andrew A. Snelling, Eugene F. Chaffin (Hrsg.): Radioisotope und das Alter der Erde. Hänssler, Holzgerlingen 2004 (engl. Original: Radioisotopes and the age of the earth. Institute für Creation Research, El Cajon, CA, 2000)

populäre Bücher:

  • Don Batten (Hrsg.): Fragen an den Anfang. Die Logik der Schöpfung, CLV, Bielefeld 2001;
  • John F. Ashton (Hrsg.): Die Akte Genesis. Warum es 50 Wissenschaftler vorziehen, an die Schöpfung in 6 Tagen zu glauben, Schwengeler, Berneck, 2001;
  • Hansruedi Stutz: Die Millionen fehlen. Argumente für eine junge Erde, Schwengeler, Berneck, 1996 (2. Auflage 2005).
    Hinweis: Leider sind alle drei hier aufgeführten Bücher hinsichtlich der Redlichkeit der Behandlung des Themas und hinsichtlich ihrer Wissenschaftlichkeit unzureichend.

Internetseiten:

  • „Die Unmöglichkeit der Evolutionstheorie. Das Alter der Erde“
    http://www.hjp.ch/texte/Evolution/Erdalter.htm
    Anmerkung: Eine jener christlichen Seiten, die leider sehr polemisch vorgeht und dabei auch noch „handwerklich“ schlecht umgesetzt ist (Tippfehler, sprachlich teilweise unangepaßtes Niveau)
1) Das bedeutet nicht, daß auch nur die Mehrheit der evangelikalen Gemeinden eine solche Position (Kurzzeit-Kreationismus) vertritt. Allerdings besteht gerade bei Vertretern des Kurzzeit-Kreationismus eine Notwendigkeit zur aktiven Abgrenzung von der Mehrheitsmeinung, weshalb sie überproportional stark in Erscheinung treten.
2) Reinhard Junker, Siegfried Scherer: Evolution. Ein kritisches Lehrbuch. Weyel, Gießen 1998 (6. Auflage 2006).
3) Vardiman, L. et al. (eds. 2005) Radioisotopes and the age of the earth, vol. II, El Cajon, CA.
4) Als Beispiele ohne Anspruch auf Vollständigkeit seien hier genannt:
  • Don Batten (Hrsg.): Fragen an den Anfang. Die Logik der Schöpfung, CLV, Bielefeld 2001;
  • John F. Ashton (Hrsg.): Die Akte Genesis. Warum es 50 Wissenschaftler vorziehen, an die Schöpfung in 6 Tagen zu glauben, Schwengeler, Berneck, 2001;
  • Hansruedi Stutz: Die Millionen fehlen. Argumente für eine junge Erde, Schwengeler, Berneck, 1996 (2. Auflage 2005).
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